Elke Schmitter: Leichte Verfehlungen

Eine Empfehlung von Matthias Kremp, dtv Lektorat Literatur

Ein bisschen Woody Allen, ein bisschen Austen, ein bisschen Waugh – und sehr viel Schmitter.

Selma Craiss und ihre Freundinnen sind allesamt Berliner Salonlöwinnen, Akademikerinnen um die vierzig mit Talent und Erfolg, jene taffen, schöngeistigen Großstädterinnen, die jeder elitären Kulturveranstaltung die richtige Würze und den nötigen Chick verleihen. Sie fühlen sich als »vollkommene Mitglieder ihrer Gesellschaftsklasse«. Alle stehen sie mitten im Leben – und plötzlich schlägt sie zu, die Midlife-Crisis. Wie ein Realitätsblitz dringt sie in ihre saturierte Welt ein und führt diese bohrende Frage mit sich, über die sie sich eigentlich erhaben glaubten: War das wirklich alles?

Schmitter, Leichte VerfehlungenWährend Selmas Freund für sechs Monate als Gastprofessor in New York arbeitet, verliebt sie sich zu ihrer eigenen Bestürzung in einen anderen. Ihre Freundin Bettina, die feststellen muss, dass sie mit einem notorischen Fremdgeher verheiratet ist, will sich nun auf die Suche nach einer neuen Existenz zwischen Kindern, Kunst und Karriere machen. Und Angelika, obwohl eigentlich lesbisch, träumt plötzlich von einer Affäre mit einem Mann …

Es sind Träume, die unter der Oberfläche ihres wohltemperierten Daseins brodeln, Aussichten auf ein anderes Leben. Doch die Freundinnen versuchen angestrengt, ihre ungewohnten Empfindungen unter einer dicken Deutungsdecke zu ersticken – und geraten in ihrem Bemühen, die romantischen Eskapaden doch immer leicht zu verfehlen, auf wunderbare Weise ins Straucheln. Da helfen ihnen weder Freud noch Derrida noch Schnitzler.

Elke Schmitter beweist ein untrügliches Gespür für das gesellschaftlich entlarvende Detail. Und doch hat sie mit ihrem zweiten Roman nicht nur eine persiflierende, sondern auch eine zärtlich-ironische Großstadtromanze vorgelegt, die uns damit tröstet, dass auch das kulturbewusste Kopfmenschentum beim Einbruch des Unkontrollierbaren in den Stolperschritt verfällt. Und am Ende hat der männliche Leser, der Ihnen die Lektüre über die Liebesverfehlungen unserer kleinen Gesellschaftsclique wärmstens zur Sommerlektüre empfehlen kann, die besagten Damen irgendwie lieb gewonnen.

 

Ein Kommentar zu “Elke Schmitter: Leichte Verfehlungen

  • 22. Juli 2013 um 18:50
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    Das klingt sehr charmant. Ich denke, dass ich da mal reinlesen muss. Vielen Dank für die Bezugnahme zu anderen Autoren. Sowas hilft mir immer sehr.

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