Eva C. Schweitzer: Tea Party. Die weiße Wut

Eine Empfehlung von Rosemarie Mailänder, dtv Lektorat Sachbuch

Vorwärts in die Vergangenheit

»Wutbürger« – wer wüsste nichts mit diesem Begriff zu verbinden, der 2010 sogar den Ritterschlag zum »Wort des Jahres« erhielt? Und doch: Die Wutbürger in den USA, zumindest die, die sich in der Tea Party zusammengeschlossen haben, verfolgen andere Ziele als hierzulande. Welche? Wer sind ihre Repräsentanten? Und was macht sie so gefährlich? Diesen Fragen geht Eva C. Schweitzer in »Tea Party« nach. Sie ist quer durch die Vereinigten Staaten gereist, um dem (Un-)Geist dieser Bewegung auf die Spur zu kommen – was nicht ganz einfach ist, denn so viel die Anhänger im Allgemeinen verbindet, so viel trennt sie im Besonderen.

Vornehmlich weiß, nicht mehr ganz jung und finanziell besser gestellt als der Durchschnitt, ist es ihnen gelungen, ihr reaktionäres Gedankengut bei den Republikanern zu verankern. Da sie Amerika für „das großartigste Land der Welt“ halten, setzen sie alles daran, es vor fremden Einflüssen zu schützen. Multikulti ist nicht ihr Ding. Und ein schwarzer Präsident im Weißen Haus schon gar nicht. Ist er überhaupt Amerikaner? Vermutlich ist seine Geburtsurkunde gefälscht. Schlimmer noch: Er unterstützt hispanische Immigranten, die in immer größerer Zahl über die Grenze drängen. »Wir holen uns unser Land zurück«, ist ihr Motto, und sie lösen wahre Begeisterungsstürme damit aus.

Tea Partier verstehen es geschickt, in einer Mischung aus Nationalismus, Populismus und rassistischer Überheblichkeit gläubige Jünger um sich zu scharen. Sie greifen Themen auf, die eine Menge Zündstoff bieten, und wehren sich vehement gegen staatliche Bevormundung, wie zum Beispiel die verhasste Krankenversicherung »ObamaCare« oder eine stärkere Besteuerung der Reichen. Solche Maßnahmen sind mit ihrem Freiheitsbegriff nicht vereinbar, denn mit einem Wohlfahrtsstaat, von dem vor allem die Schwachen profitieren, haben sie nicht viel am Hut. Ganz im Gegenteil. Es gehört zu ihren Zielen, Minderheitenrechte zu beschneiden und Gewerkschaften auszuhebeln. Schließlich gibt es andere Werte, für deren Erhalt gekämpft werden muss: die unauflösliche Ehe und die Familie etwa. Sie verbreiten ihre Ideen und Thesen mit so viel Verve, dass auch abstruseste Behauptungen auf fruchtbaren Boden fallen. Die globale Erwärmung wird als eine Erfindung liberaler Wissenschaftler abgetan und Darwins Evolutionstheorie als Humbug. Ultrakonservative religiöse Rechte, die an den Untergang der Welt glauben (und nicht nur sie), sind ein dankbares Publikum.

Eva Schweitzer schildert in »Tea Party« die einzelnen Protagonisten der Bewegung, die oft genug Wasser predigen und Wein trinken, mit Witz und Biss: die Bilderbuch-Konservative Michele Bachmann ebenso wie Rick Perry, der angeblich Gott hat rufen hören, er solle sich als Präsident zur Verfügung stellen, der aber gleichzeitig der Gouverneur ist, in dessen Bundesstaat die meisten Todesurteile vollstreckt wurden; den zwei Mal geschiedenen Newt Gingrich und die Bärentöterin von Alaska, Sarah Palin; den schwerreichen Mormonen Mitt Romney und den extrem homophoben Rick Santorum. Und auch die Strippenzieher im Hintergrund, Pharma-, Chemie- und Ölkonzerne, die ordentlich Geld fließen lassen und als Gegenleistung natürlich ihre Interessen vertreten sehen wollen. Eine Hand wäscht die andere, das ist ja nichts Neues.

Nicht alle der beschriebenen Kandidaten, die angetreten sind, Obama aus dem Weg zu räumen und Amerika wieder zum Gelobten Land zu machen, sind noch im Rennen. Das macht das Buch nicht weniger interessant, denn die deutsche Presse nimmt so regen Anteil an den Vorwahlen, dass man gern mehr wissen möchte über die Hintergründe der Tea Party, einer schrillen Bewegung, die von Feindbildern lebt und wohl nicht so schnell von der Bildfläche verschwinden wird. Können wir trotzdem darauf hoffen, dass die USA auch die nächsten Jahre in demokratischer Hand bleiben? Yes, we can.

Eine Empfehlung von Rosemarie Mailänder, dtv Lektorat Sachbuch

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