Eva-Maria Prokop

Lektorin

»Man hat Mascha Kaléko verglichen mit Morgenstern, Kästner, Ringelnatz, aber das trifft es nicht. Sie hat deren Verspieltheit, satirische Schärfe und Sprachwitz, aber es kommt ein Sehnen hinzu, eine zarte Zerbrechlichkeit, die den Atem nehmen kann…«

 Treffender als es dieses Zitat von Jan Schulz-Ojala aus dem ›Tagesspielgel‹ tut, kann man sich wohl kaum zu Mascha Kaléko äußern.

Am kommenden Sonntag, den 7. Juni, hätte die Lyrikerin 102. Geburtstag. Sie kam 1907 als Mascha Engel im galizischen Schidlow zur Welt. 1918 zog sie mit ihren Eltern nach Berlin, wo sie die wohl glücklichste und erfolgreichste Zeit ihres Lebens verbrachte. Im Alter von 22 Jahren veröffentlichte sie ihre ersten Gedichte und hatte bald darauf ihren literarischen Durchbruch. »Langschläfers Morgenlied«, »Kassen-Patienten«, »Krankgeschrieben« – so lauteten Titel der Großstadt- und Gebrauchslyrik, die die Dichterin im Berlin der 30er Jahre über Nacht berühmt machten. Diesen »paar leuchtenden Jahren« wurde jedoch durch die Nationalsozialisten ein jähes Ende gesetzt: 1935 erhielt sie Berufsverbot, 1938 floh sie mit Mann und Sohn ins amerikanische Exil.

 Eine besondere Entdeckung sind Mascha Kalékos Nachlassgedichte: gegenwartsnah, voller Ironie und doch voll Gefühl sind diese stark autobiographisch gefärbten Gedichte. Sie erzählen vom Exil, von der Liebe, aber auch von Krankheit, Tod und Einsamkeit. Besonders in ihnen wird die »zarte Zerbrechlichkeit«, der besondere Kaléko-Ton spürbar.

 Gisela Zoch-Westphal, die sich auf Wunsch Mascha Kalékos nach deren Tod im Jahr 1975 ihres Werkes annahm, hat in diesem fein komponierten Band wahre Perlen aus dem Nachlass der Dichterin versammelt. Vor 13 Jahren, lange bevor ich das Vergnügen hatte, Mascha Kalékos Bücher im Lektorat zu betreuen, fiel mir dieser Band in einer kleinen Buchhandlung zufällig in die Hände. Seitdem begleiten mich die Gedichte der Lyrikerin – einmal damit in Berührung gekommen, möchte man diese »Gebrauchslyrik« für alle Lebenslagen nicht mehr missen.

Eva-Maria Prokop

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