Francisco Azevedo: Der Hochzeitsreis

Eine Empfehlung von Silvia Schmid, dtv Lektorat Belletristik

»Jetzt muss ich mich aber wirklich aufs Essen konzentrieren. Warum, wollen Sie wissen? Was für eine Frage! Weil das Rezept für eine Familie alles andere als einfach ist!«

In fast jeder Familie gibt es das eine, streng gehütete und seit Generationen überlieferte Familienrezept, den einen leckeren Kuchen, den schon die Uroma buk und der glückliche Kindheitserinnerungen heraufbeschwört. Doch gibt es so ein Rezept auch für eine glückliche Familie? Das die Liebe wachsen lässt und über viele Jahrzehnte bewahrt?

Francisco Azevedo: Der Hochzeitsreis

Antonio, der 88-jährige ehemalige Restaurantbesitzer aus Francisco Azevedos wundervollem Romandebüt ›Der Hochzeitsreis‹, hat es tatsächlich gefunden. Er wird es anlässlich des hundertsten Hochzeittages seiner Eltern an seine Nachkommen weitergeben. Und wissen Sie was? Auch Ihnen wird er es verraten – wenn Sie ihm bei seinen Vorbereitungen zu diesem ganz besonderen Familienfest über die Schultern schauen und lesend seinen Gedanken folgen.
Soll ich Ihnen vorab schon einmal den Mund wässrig machen? Also, natürlich kommt es zunächst auf die Zutaten an. Die erste ist augenscheinlich nichts Besonderes: Es handelt sich um ganz gewöhnlichen Reis. Doch halt, so unbedeutend ist er nun auch wieder nicht: Schließlich waren es zwölf Kilo, mit denen die Bewohner der kleinen portugiesischen Stadt Antonios Eltern damals nach deren Trauung bewarfen, obwohl sie selbst nicht viel zum Leben hatten. Man stelle sich das einmal vor: zwölf Kilo, das heißt rund eine halbe Million Reiskörner!, sammelte Antonios Tante Palma danach Korn für Korn vom staubigen Kirchplatz auf, um sie José Custódio und Maria Romana in einem Sack zu schenken, als Symbol für Fruchtbarkeit und Glück.

Überhaupt: Tante Palma! Josés patente ältere Schwester, die mit den beiden nach Brasilien auswandert, spielt bei der Zubereitung des »Familienrezepts« eine ganz wesentliche Rolle. Nicht nur, dass sie im Alltäglichen das Wunderbare zu sehen vermag, nein, sie sorgt bei dieser schönen Familiengeschichte auch dafür, dass zuerst Antonios Mutter und später dann er selbst im richtigen Moment im Kochtopf rühren und das aufwendige Gericht beherzt mit den nötigen Gefühlen würzen.
Man nehme also zwölf Kilo Reis, dazu die Tipps und Tricks einer klugen Frau, und fertig ist die glückliche Familie? Nun, ganz so einfach ist das »Familienrezept« auch wieder nicht. Damit es gelingt, braucht es noch einiges mehr, das ich hier nicht vorwegnehmen will: Lauschen Sie den Gedanken des liebenswerten alten Mannes – beziehungsweise seinem Schöpfer Francisco Azevedo – besser selbst, denn er erzählt Ihnen alles ganz unmittelbar in bildhaften Worten, die noch dazu von herzerwärmender Lebensklugheit sind.

Nur eines sei Ihnen an dieser Stelle noch verraten: Einmal in Antonios Küche, wird Ihnen das ›Hochzeitsreis‹-Aroma unweigerlich in die Nase steigen, es wird Sie locken, und dann: »Fertig? … Bestens! Dann binden Sie sich jetzt die Schürze um, nehmen ein Brett von dort drüben und das schärfste – Vorsicht! – Messer. Ah, und schämen Sie sich nicht, wenn Sie wie ich gleich nach Knoblauch und Zwiebeln riechen werden und Ihnen beim Schneiden vielleicht die Tränen kommen. So ein Familienrezept zuzubereiten, ist nun mal hoch emotional.«

Eine Empfehlung von Silvia Schmid, dtv Lektorat Belletristik

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