Goran Petrović: Ein Sternenzelt aus Stuck

Eine Empfehlung von Dagmar Schruf, Literaturagentin

»Im Kino sind alle gleich.« Nach dieser Maxime tut der Platzanweiser Simonović im Kino der serbischen Kleinstadt Kraljevo ein Leben lang seinen Dienst. Ob Funktionär oder Schüler, Künstler oder Konditor, Rom oder Serbe, Liebespaar oder Spanner – alle geleitet er gleichermaßen durch den schweren Samtvorhang in den Saal mit dem Firmament aus Stuck.

Ein Sternenzelt aus StuckAn einem Sonntag im Mai 1980 besucht der Erzähler in diesem Kino eine Vorstellung, die abrupt enden wird. Zuvor aber streift er wie ein Flaneur durchs Publikum, beobachtet menschliche Eigenarten, Streitigkeiten, Annäherungen, Ängste und Freuden. Treffend, doch nie karikierend charakterisiert er die Besucher auf den Klappsitzen und rekonstruiert ihre wechselhaften Lebensläufe.

Kriege, Besatzer, Ideologien und Regime des vergangenen Jahrhunderts haben in diesem Mikrokosmos tiefe Spuren hinterlassen und den Platzanweiser Simonović zu der bitteren Erkenntnis gebracht, dass »wir es nicht verstehen, zu bewahren, was uns gegeben wurde, und selbst wenn man uns das Paradies schenkte, würde es dort nicht viel anders zugehen«. Doch er ist es auch, der die Hoffnung durch das ganze Buch trägt: in Gestalt eines kleinen Vogels mit einem bedeutsamen Namen …

Goran Petrovićs Kinoroman ist eine kunstvolle Montage liebenswerter und bewegender Beobachtungen, magischer Momente und poetischer Einfälle, die eine verflossene Zeit und verschwundene Welt wieder lebendig werden lassen.

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