Gustav Meyrink: Der Golem

Eine Empfehlung von Alice Jasmin Jonietz, Praktikantin dtv Lektorat Klassik

»Habe ich freiwillig jeden Widerstand aufgegeben, oder haben sie mich überwältigt und geknebelt, meine Gedanken? … Wer ist jetzt ›ich‹, will ich plötzlich fragen, da besinne ich mich, daß ich doch kein Organ mehr besitze, mit dem ich Fragen stellen könnte …«

Gustav Meyrink erfindet in seinem phantastischen Schauerroman die jüdische Golem-Sage neu. Aus einem Lehmklumpen soll sich im 17. Jahrhundert ein weiser Rabbinerpriester einen Gehilfen erschaffen haben, der, unfähig zu sprechen, angeblich noch immer durch die labyrinthartigen Gassen des Prager Judenviertels streicht.

Der Gemmenschneider Athanasius Pernath, dessen Leben im Getto von Isolation und Einsamkeit bestimmt ist, sieht sich wiederholt der unheimlichen Begegnung mit dem Golem ausgesetzt. Dabei verwischen im Laufe des Romans immer stärker die Grenzen zwischen seiner Figur und der des Golem – Pernath misstraut seiner Selbst, seiner Persönlichkeit immer mehr. Ist womöglich er selbst der stumme Wanderer? Auch lässt sich nicht mehr mit Sicherheit sagen, wo der bis zuletzt anonym bleibende Ich-Erzähler eingeordnet werden muss – zu oft tritt dieser als Doppelgänger Pernaths in Erscheinung.

Die Spannung zwischen Bewusstsein und Traum, zwischen Erinnertem und Verdrängtem erreicht einen Punkt, an dem eine Steigerung kaum mehr möglich ist – der Leser wird in diesem Versteckspiel der Psyche derart gefordert, dass auch er Begriffe wie »Selbst« oder »Identität« nicht mehr hinnehmen kann, ohne diese zu hinterfragen, ja sogar deren Gültigkeit anzuzweifeln.

Die mythisch-psychologischen Handlungsstränge sind eingebettet in ein verbrecherisches Geflecht um Ehebruch, Verleumdung, Betrug und Mord, in welches ein Großteil der Protagonisten verstrickt zu sein scheint. Dieses bildet den realistisch-rationalen Gegenpart zu den phantastischen Erzählelementen, welche zuletzt bis in die dunklen Tiefen des Okkulten hinabreichen.

Sprachlich brillant erzählt fesselt mich der Roman ›Der Golem‹ bei jedem Lesen aufs Neue – der unglaublich spannende und gleichzeitig tiefenpsychologisch verstörende Plot regen zum Weiterdenken an. Das hervorragende Nachwort von Ulrike Ehmann kommt einem dabei gerade recht – liefert es doch interessante Hintergrundinformationen und alternative Interpretationsangebote. Ein Buch, das man nicht so schnell vergisst!

Eine Empfehlung von Alice Jasmin Jonietz, Praktikantin dtv Lektorat Klassik

Weitere Schauerromane bei dtv:

Leo Perutz
Nachts unter der steinernen Brücke

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.