Im Morgengrauen

Buchempfehlung von Silvia Schmid

Dezember 2001. Argentinien am Rande des Staatsbankrotts. Präsident Menem hat seinem Nachfolger ein hoch verschuldetes und zutiefst korruptes Land hinterlassen. Wer kann, bringt sein Vermögen im Ausland in Sicherheit oder tauscht es in Dollars um, worauf die neue Regierung beschließt, alle Bankkonten einzufrieren. Zudem wird ein Teil des in Dollar angelegten Vermögens in die einheimische Währung zurückgeführt. Über Nacht verlieren unzählige Argentinier ihre gesamten Ersparnisse. Es gärt in den Städten. Tausende ziehen vor die Bankfilialen, demonstrieren lautstark mit Kochtöpfen und Kochlöffeln. »Sie sollen alle abhauen«, brüllen sie, die Politiker haben sämtliches Vertrauen verspielt. Aus Angst vor dem totalen Zusammenbruch verhängt Präsident Fernando de la Rúa am 18. Dezember den Ausnahmezustand. Das bringt das Fass dann zum Überlaufen. Die Massenproteste gipfeln in blutigen Straßenschlachten mit der Polizei, Plünderungen und der Besetzung unzähliger Straßenkreuzungen durch die piqueteros, was ein gigantisches Verkehrschaos zur Folge hat. Vier Tage später flieht De la Rúa mit dem Hubschrauber aus dem belagerten Präsidentenpalast, nachdem bei den gewaltsamen Ausschreitungen über 25 Menschen ums Leben gekommen sind. Zum ersten Mal in Argentiniens Geschichte hat das Volk – und nicht das Militär – einen Präsidenten gestürzt.

Ein Land am Rande des Ruins? Was für die meisten Europäer bis zum griechischen Hilferuf vor wenigen Wochen absolut unvorstellbar war, haben die Argentinier vor neun Jahren am eigenen Leib erlebt. Die Staatskrise 2001 traf Argentinien bis ins Mark – und war schicksalsschwer für all meine argentinischen Bekannten und Freunde, die ich während meiner ersten Argentinienreise 2006 kennenlernte. Ihre Erzählungen haben diesen Meilenstein der argentinischen Geschichte für mich lebendig gemacht, Bilder von diesen ereignisreichen Dezemberwochen in meinem Kopf geschaffen – die nach der Lektüre dieses fulminanten Hardboiled-Thrillers garantiert auch vor Ihrem geistigen Auge vorüberziehen werden.

Pablo Martelli, genannt Gotán, wird eines Nachts durch einen Anruf mitten ins Epizentrum dieser Staatskrise geworfen. Sein alter Freund Edmundo Cárcano – hohes Tier beim Ölkonzern CPF, frisch von Gattin Mónica getrennt und mit der blutjungen Lorena liiert – fleht ihn an, schnellstmöglich in sein Ferienhaus am Meer zu kommen. Als Gotán sechs Stunden später dort eintrifft, ist Edmundo jedoch tot. Und Lorena, die kurz darauf auftaucht, drängt panisch zur Flucht. Bei einer Tankpause wird Gotáns Auto dann mitsamt der schlafenden Lorena gestohlen, worauf … aber mehr sollte ich nicht verraten. Nur so viel: Es wird ziemlich rasant. Und: Um den Mördern auf die Spur zu kommen, muss Gotán herausfinden, welche Kräfte Argentinien in den Abgrund treiben wollen. Er kommt sich dabei vor wie ein Blinder in einem Minenfeld. Die einzige Gewissheit, die er hat: Der Tod eilt ihm immer zwei Schritte voraus …

Orsis Protagonist ist wirklich nicht zu beneiden, und man leidet mit ihm, obwohl er eine dunkle Vergangenheit hat, wie sich dem Leser erst ganz allmählich erschließt. Er trägt schwer daran, vor allem, weil diese Vergangenheit zwischen ihm und einer geheimnisvollen Frau steht, die seit einem Tangoabend in San Telmo sein Herz okkupiert.
Doch zum Glück ist der zynische Outsider mit der weichen, sentimentalen Ader, der sich einen Rest Moral bewahrt hat, nicht ganz auf sich gestellt. Unterstützung bekommt er u. a. von einem Polizeireporter, der Autobomben ticken hört, einem linksliberalen Richter, der weiß, dass nichts so verwanzt ist wie die Justizgebäude in Buenos Aires, zwei kuriosen Provinzbullen, die gegensätzlicher nicht sein könnten und optisch ein Don Quijote-Sancho-Panza-Duo abgeben, und einem pummeligen, glatzköpfigen Gerichtsmediziner mit Mundgeruch – eine meiner Lieblingsfiguren –, der einen himmelblauen VW-Polo fährt, jedes zweite Gespräch in die erotische Richtung lenkt, Steaks von schwarzgeschlachteten Pferden liebt, sein Gehalt mit illegalen Abtreibungen aufbessert und dennoch ein gutes Herz hat und Gotán so manches Mal aus der Patsche hilft.

Lo mejor entre lo peor de la Argentina zeigt uns Guillermo Orsi also in diesem temporeichen Krimi. Und auch was die Schauplätze betrifft, bekommt der Leser viel authentisches Argentinien geboten: Man sieht Gotán nicht nur in Buenos Aires über die Schulter, wo der Ausnahmezustand die Atmosphäre prägt, sondern lernt mit ihm auch zwei typische, verschlafene Provinzstädte und die weiten Grassteppen der Pampa kennen, wo Viehdiebe nachts Pferde und Rinder von den Koppeln stehlen, um deren Fleisch auf dem Schwarzmarkt zu verschachern, und schließlich begleitet man ihn – froh, nur Leser zu sein und nicht in seiner Haut zu stecken – in eine verlassene Goldgräber-Geisterstadt mit klappernden Fensterläden und einer alten Bodega im Norden von Patagonien, wo es zum dramatischen Showdown kommt.

Ist Ihre Neugier geweckt? Ich jedenfalls finde, Guillermo Orsi beweist mit ›Im Morgengrauen‹, dass er zu Recht als Meister des neuen argentinischen Krimis gefeiert wird – und am letzten Wochenende hat sich das wieder bestätigt: Auf der Semana Negra in Gijón ist er mit dem begehrten Premio Hammett 2010 für den besten spanischsprachigen Krimi ausgezeichnet worden.

Silvia Schmid, dtv-Lektorat Unterhaltung

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