Janne Teller: Krieg

Eine Empfehlung von Julia Malik, dtv Lektorat Reihe Hanser

48.524 Menschen haben in diesem Jahr (Stand: Juli 2013) einen Antrag auf Asyl in Deutschland gestellt. 48.524 Schicksale – Menschen, die hoffen, eine neue Heimat in Deutschland zu finden. Unter ihnen auch Flüchtlinge aus dem Irak, aus Syrien und dem Sudan. Asylsuchende begegnen uns täglich in den Medien. Deutschland ist ein Zuwanderungsland, und doch stoßen Asylbewerber immer wieder auf Ablehnung und Vorurteile.

In der Soorstraße in Berlin Charlottenburg wird 2013 eine Unterkunft für 250 Flüchtlinge aus Kriegsgebieten eingerichtet. Anwohner machen mobil gegen das Flüchtlingsheim, aber eine Gruppe engagierter Bürgerinnen und Bürger wehrt sich mit einer Aktion, die sie literarische Irritation nennen: Die Aktivisten kaufen 100 Exemplare des Buches von Janne Teller ›Krieg. Stell dir, vor, er wäre hier‹ bei zwei Buchgroßhändlern auf, um sie den Anwohnern der Soorstraße, die sich gegen das Flüchtlingsheim ausgesprochen haben, kostenlos in den Briefkasten zu werfen. Dazu erklären sie: »Wir hoffen, durch die Buchlektüre Empathie im Umgang mit den Notleidenden zu wecken.«

Janne Teller KriegWorum geht es in dem Buch?

Janne Teller setzt sich in ›Krieg. Stell dir vor, er wäre hier‹ mit Krieg, Flucht und Migration auseinander. Aber nicht über Flüchtlinge wollte sie schreiben, sondern bezwecken, dass der Leser in der Fiktion ihres Textes plötzlich selbst zum Flüchtling wird, fühlt, wie das ist, alles zurückzulassen, fremd zu sein, eine Sprache nicht zu beherrschen, ausgegrenzt zu werden, und die Heimat, die zerstört ist, zu vermissen.

Um das zu erzielen, wagt sie ein kühnes Gedankenexperiment, das die politischen Zustände auf den Kopf stellt. Denn ihr Protagonist, der als »du« angesprochene Leser, ist 14 Jahre alt, Deutscher und lebt im Krieg. Die europäischen Staaten sind zu Feinden geworden, Europa befindet sich im Krieg, Deutschland liegt in Schutt und Asche. »Wenn bei uns Krieg wäre. Wohin würdest du gehen?«, fragt Janne Teller am Anfang ihres Buches. Die Familie des Protagonisten entscheidet sich zur Flucht nach Ägypten, wo noch Freiheit und Demokratie herrschen. Aber plötzlich sind die Mitglieder der Familie  Asylsuchende, haben alles verloren und werden zu Bittstellern. Dass sie arm sind, ist nicht das einzige Problem, sie müssen Anfeindungen im Flüchtlingsheim überstehen und dürfen nicht arbeiten. Die neue Sprache und die neue Kultur müssen sie sich so schnell wie möglich aneignen. Freunde haben sie im neuen Land noch keine.

Die Autorin erklärte zu ihrem Text: »Sollten Menschen, die in Not sind, nicht so behandelt werden, wie wir es in der Not für uns wünschen?« Und fügte außerdem hinzu: »Nur menschliches Handeln kann Leben retten. Doch die Literatur kann Verständnis und Empathie wecken und stärken, die wir für menschliches Handeln brauchen.«

Vielleicht ist ihr das mit ›Krieg. Stell dir vor, er wäre hier‹ gelungen. Die Anwohner der Soorstraße werden es beurteilen können.

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