Jasper Fabian Wenzel: Deutschland draußen

Jasper Fabian Wenzel: Deutschland draußen
Dr. Amin Ballouz ist ein Hausarzt wie ihn sich jeder wünscht, von denen es immer weniger gibt – und so einen wie ihn schon gar nicht: Der gebürtige Libanese flüchtete aus seiner bürgerkriegsgeschüttelten Heimat und ließ sich schließlich in der deutschen Provinz nieder. Sein Leben ist hektisch, aufreibend, er kümmert sich unermüdlich um seine Patienten, nimmt Anteil, ein Glücksfall für die Menschen hier. Der Reporter Jasper Fabian Wenzel zeichnet ein fesselndes Porträt dieses ungewöhnlichen Arztes und schildert eindringlich das Leben in schrumpfenden Kleinstädten.

In Beirut geboren, flüchtete Amin Ballouz als 17-Jähriger aus dem Libanon und kam nach einer Odyssee zum Medizinstudium in die DDR. Kurz vor der Wende ging er in den Westen, arbeitete in London und Paris, kam in den Anfangsjahren des neuen Jahrtausends nach Deutschland zurück und wurde Landarzt in der Uckermark. Amin Ballouz spricht von Einmaligkeit, wenn er von den Menschen erzählt, die er hier kennenlernt. Ihre Erzählungen spiegeln die Auswirkungen der turbulenten Weltkrisen der jüngsten Zeit, den schwierigen Alltag in einem allmählich verödenden Landstrich, die deutsch-deutsche Geschichte. Viele der älteren Patienten teilen das Vertriebenenschicksal ihres Hausarztes, die Fluchterfahrung und den Verlust der Heimat – wenn Amin Ballouz sie trifft, trifft er auch auf sich selbst.

»So ein Tag in der Praxis kann schnell ein Durcheinander werden«, sagt Ballouz. »Der Laden ist immer voll, das ist gut, das ist in Ordnung, heute waren es fast einhundert Patienten. Aber was jetzt kommt, hat eine ganz eigene Geschwindigkeit.«
Die Hausbesuche, das Rausfahren, nach draußen fahren, er beschreibt es als Immersion, als volles Eintauchen, einen Hochgeschwindigkeitseinblick in die Geschichten der Gegend, das Leben, die Seelenlage der Menschen hier. Aus der Praxis hört man noch das leise Läuten des Telefons, der Doktor macht Dunstwölkchen und hält einen dicken Finger in die deutsche Luft. Er nimmt wieder Tempo auf, zeigt, macht eilige Gesten, rasch vom Einen ins Nächste ins Übernächste. Dann steigt Ballouz in seinen blau-gelben Zweitakt- Trabant. Nach zwei Startversuchen fährt er los.

Frau Leffler hat Kaffee gemacht, aber Doktor Ballouz lehnt ab. »Geht keiner mehr rein«, sagt er. Herr Leffler sitzt. Menschen in Sesseln. Und dann diese deckenhohen Wandschränke ohne Bücher, mit Tellern, Tassen, Holzigeln und Piepmätzen aus Porzellan, ein Kitschensemble aus Silber und Gläsern, die nie, nie, niemals benutzt werden. Gesamtdeutsche Vergangenheitsdekoration, Zierde, alte Zeit. »Aber was Essen können Sie doch vertragen«, sagt sie und verschwindet in der Küche. Es gibt Spiegeleier auf Toast.

Das Auto rollt eine junge Allee entlang, die Bäume schwarz, im Radio Paris.
Etwas weiter vorn hat sich Ballouz vor einigen Wochen einen alten Dreikanthof gekauft, frühes 20. Jahrhundert, Hauptgebäude, Nebengebäude, eine alte Scheune aus morschen Brettern. Die Sanierung ist ein Projekt, für das er eigentlich keine Zeit hat, wie er sagt, aber in die Eigentlichkeit des Doktors scheint immer noch etwas mehr hineinzugehen. Vor dem Haupthaus liegt ein kleiner Vorgarten, von einem
Gusseisengitterzaun umgeben, januarkahle Erdbeerbeete, Strohreste und drei Stufen zur Haustüre. Ballouz schiebt das Gitter zu und legt den Riegel um.
»Das Haus ist jetzt noch roh und lustig«, sagt er. Es ist vor allem saukalt. Die Handwerker haben vergessen, Warmwasser anzustellen.

Aus der Welt der Kriegs- und Fluchtbiographien kommend, in jungen Jahren vertrieben, sind sich Ballouz und seine Patienten ähnlich in ihrer Sensibilität für das Unerreichbare. Er fühlt sich um seine Jugend betrogen, von den Grausamkeiten, den Erinnerungen verfolgt. Er kann die jungen Brandenburger verstehen, die sich langweilen, ihre Aggressionsabfuhr, und er versteht ebenso gut die Alten, die vom Krieg erzählen, als sei das alles gerade erst passiert, weil die Furcht vor der Gegenwart so viel abstrakter ist. Die tonangebende Herkunftsunsicherheit äußert sich bei den Jüngeren in der unbedingten Sehnsucht nach Großstadt. Die jungen Uckermärker, sie machen, was die jungen Griechen, Spanier oder Portugiesen tun. Sie gehen nach Berlin.

Jasper Fabian Wenzel, geboren 1986 in Flensburg, arbeitete nach Studium und Redakteursausbildung an der Axel-Springer-Akademie für ›Die Welt‹, ›Welt am Sonntag‹ und ›Berliner Morgenpost‹. Seit 2013 schreibt er als freier Reporter. Er startete die Reportagen-Plattform weeklys.eu und ist Gründungsmitglied der »Krautreporter«.

Alle Bilder: Bernhard Moosbauer

›Deutschland draußen‹ ist als Klappenbroschur erhältlich:
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