Die Insassen

Buchempfehlung von Jutta Profijt

Was passiert eigentlich mit den Managern, die den Absprung nicht schaffen, bevor ihr Verstand sie im Stich lässt? Wir haben es immer schon geahnt, aber Katharina Münk gibt uns endlich Gewissheit: Denen ist nicht mehr zu helfen. Auch nicht in einer spezialisierten Klinik wie St. Ägidius. Vielleicht müsste man auch sagen: dort erst recht nicht. Zumindest nicht, wenn sie als Insassen diese Klinik an die Börse bringen. Dazu braucht es mehr Verrückte, als man zunächst glaubt. Und zwar DRINNEN und DRAUSSEN .

DRINNEN ist der Irrsinn krankhaft, DRAUSSEN normal. Die Grenzen verschwimmen. Der ehemalige Finanzvorstand Löhring, nach Vertragsauflösung zwangseingewiesen, ist überzeugt, er sei der neue Leiter der Einrichtung. Durch diese Brille betrachtet er das Geschehen um sich herum, interpretiert die Gesprächstherapie als Management-Meeting, erkennt in der Psychologin die Quotenfrau der zweiten Managementebene und analysiert die Abläufe aus der Sicht des Firmenlenkers. Schnell erkennt er die Schwachstellen im System und setzt alles daran, die Anstalt neu aufzustellen, damit sein großes Ziel gelingt: der Börsengang. In konspirativen Vorstandssitzungen mit den engsten »Mitarbeitern« – einem hochneurotischen Private-Equity-Manager, einem als Seelsorger in der Anstalt residierenden Ex-Manager mit Gedächtnisverlust und einer ausgebrannten Chefsekretärin – entwickelt er eine Corporate Identity und erstellt Business-Pläne sowie Börsenprospekte. Die in die Klinik geladenen Banker lassen sich überzeugen.

Warum ich das witzig finde? Weil ich mir schon oft bei der Zeitungslektüre die Frage gestellt habe: Wer spinnt hier eigentlich? Diejenigen, die Hypothekenschulden zu Bündeln verschnüren und sie als Wertpapiere verkaufen? Oder sind diese Leute die Genies und diejenigen, die auf derartige Anlageprodukte hereinfallen, die Irren? Oder gibt es da gar keinen Unterschied mehr? Und was ist für den ausgebrannten Manager eigentlich schlimmer: Die Erkenntnis, dass das Hamsterrad, in dem er die letzten Jahrzehnte um sein Leben gerannt ist, nichts angetrieben hat außer der eigenen Gier – oder gar keine Erkenntnis? Fragen, die im echten Leben den Unterschied zwischen Selbstverwirklichung und Verzweiflung bedeuten können, werden in diesem Roman mit Wortwitz und Situationskomik gestellt und mit schräger Fantasie beantwortet.

Eins jedenfalls ist am Ende sonnenklar: Die Irren sind immer die anderen.

Jutta Profijt

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