Jutta Richter: Der Tag, als ich lernte die Spinnen zu zähmen

Eine Empfehlung von Nora Isterheld, dtv Lektorat Reihe Hanser

Jutta Richter gehört zu den bedeutendsten Kinderbuchautorinnen der deutschsprachigen Literatur: Zum einen weil ihre Geschichten einen großen moraldidaktischen Wert haben, ohne sentimental oder moralinsauer zu sein. Zum anderen weil sie sich durch eine besonders dichte, rhythmische Sprache auszeichnen. Es ist eine seltene Kunst, die Jutta Richter beherrscht: Aus der Lektüre eine ästhetisch besonders genussvolle Erfahrung zu machen und gleichzeitig junge Menschen dafür zu sensibilisieren, wie ein gutes Leben auszusehen vermag. Wie schwierig und schmerzhaft das bisweilen sein kann, zeigt Jutta Richter in ihrem vielleicht schönsten Buch ›Der Tag, als ich lernte die Spinnen zu zähmen‹, das 2001 mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis prämiert wurde.

Warum erkennt man einen Schandfleck immer an den Gardinen? Und was ist falsch an den Gardinen von Rainers Mutter? Meechen weiß, dass alle Wörter eine zweite Bedeutung haben, die Kinder noch nicht verstehen können, eine Bedeutung, die nur die Erwachsenen kennen. Meechen aber hat keine Eile erwachsen zu werden und diese Geheimsprache zu lernen. Nein. Meechen ist eine Schatzssucherin und Träumerin. In einer Zigarrenkiste versammelt sie Taubenfedern, Abziehbilder und Knippsteine, durch die die Welt wieder bunt und geheimnisvoll aussieht. Und wenn abends die Sonne feuerrot untergeht, stellt sie sich vor, in der himmlischen Weihnachtsbäckerei habe ein Engel eben den Ofen angeschmissen.

Rainers Familie jedenfalls ist nicht sehr beliebt in der frömmelnden Dorfgemeinschaft. Nicht nur die Gardinen sind den Einwohnern ein Dorn im Auge. Auch der abwesende Vater und die Herrenbesuche der Mutter bis spät in die Nacht. Leute wie die haben hier nichts verloren, sagen die Erwachsenen. Und auch die Kinder können den kauzigen Rainer nicht ausstehen. Der Apfel fällt ja bekanntlich nicht weit vom Stamm. Nur Meechen mag den mutigen Jungen, der immer so vertrauensvoll nach Knallplättchen und Sheriff riecht. Mit ihm kann man alle Gefahren überstehen: Kellerkatzen, Monsterspinnen, Gruselhäuser. Selbst lieblose Eltern und ihre schlimmen, ganz schlimmen und allerschlimmsten Strafen sind mit einem Freund wie Rainer leichter zu ertragen.

Die Stimmung kippt endgültig, als Rainer und der Lehrersohn Michael aneinandergeraten. Und Michael auf die Bordsteinkante knallt und ins Krankenhaus muss. Das soll ein Nachspiel haben. Der Vikar Wittkamp packt im Unterricht die Geschichte von Kain und Abel aus, Martina ruft Meechen nur noch Dieda, Hansi behandelt sie wie Luft, kurzum, alle rücken von ihr ab. Obendrein kommen vier Wochen Hausarrest und noch mehr Einsamkeit, weil sie Rainer unerlaubt Unterschlupf gewährt hat. Das ist zu viel für Meechen. Wozu ist eigentlich ein Freund gut, den niemand leiden kann? Meechen muss sich entscheiden: Dieda bleiben oder dazugehören.

Jutta Richter erzählt sensibel und mit erschreckender Prägnanz, wie leicht es ist, wider besseres Wissen zum Mitläufer zu werden. Im Einklang zu leben mit den eigenen Werten und Zielen, eine Haltung zu vertreten und Freundschaft zu verteidigen, auch gegen heftige Widerstände, das braucht einen Riesenmut. Kein Hasenherz. Wer das im Leben schafft, für den ist das Spinnenzähmen ein Klacks.

Eine Empfehlung von Nora Isterheld, dtv Lektorat Reihe Hanser

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