Kaputte Suppe

Buchempfehlung von Susanne Krones

Was bleibt, wenn jemand verschwindet? Vielleicht war das die Frage, die Jenny Valentine zum Schreiben gebracht hat. Schon in ihrem Debütroman ›Wer ist Violet Park?‹ schließt Lucas Swain Freundschaft mit einer, die längst verschwunden scheint. Denn Violet Park ist tot. Lucas rettet ihre Urne, mitten in der Nacht aus einem kleinen Minicar-Büro und tut alles, um herauszukriegen, wer diese Frau war. Was er erfährt, lässt ihn sein eigenes Leben besser verstehen.

Auch in Valentines zweitem Roman ›Kaputte Suppe‹ kreisen die Gedanken der Figuren um einen abwesenden Mittelpunkt: Jack, den verstorbenen Bruder der 15-jährigen Rowan, der vor zwei Jahren bei einem Badeunfall ums Leben kam. Seitdem ist alles aus dem Gleichgewicht geraten: Rowans Vater ist ausgezogen, ihre Mutter hat sich in ihre Depression zurückgezogen und Rowan tut alles, um ihrer sechsjährigen Schwester Stroma die Eltern zu ersetzen. Soviel, dass sie sich selbst dabei verliert.

Eines Tages reicht ihr ein gutaussehender Junge in der Supermarktschlange ein Foto-Negativ und behauptet hartnäckig, dass es ihr eben aus der Tasche gefallen sei. Rowan hat das Negativ nie gesehen und glaubt an ein Missverständnis. Doch als sie das Foto entwickelt, kann sie kaum fassen, was es zeigt. Es ist ein Foto ihres toten Bruders, eines, auf dem Jack so wunderbar lacht und auf dem er so lebendig erscheint, dass es Rowen fast das Herz zerreißt: »Es war das jackste Bild von Jack, das ich je gesehen hatte.« Für Rowan gibt es nur noch eine Frage: Wer war dieser Fremde und wie kam er zu einem Foto ihres Bruders?

Aus dieser Konstellation entwickelt Jenny Valentine einen Roman, der seine Leser mit Zärtlichkeit und Komik, Poesie und Traurigkeit und unvergleichlichem Charme umfängt. Wie ihr das gelingt? Im Interview mit Rundfunkjournalistin Ute Wegmann betont Valentine, »dass Lesen die beste Übung war, um Autorin zu werden. Ich habe total viel gelesen. Aber vor allem musst du raus in die Welt, wenn du über die Welt schreiben willst.« Dass Jenny Valentine tief und hungrig nach Leben in diese Welt eingetaucht ist, merkt man ihren Figuren an. Dass sie Vieles und Vielfältiges gelesen hat, ihrer Sprache und ihrem Erzählton: »Als Jugendliche war mein Favorit Kurt Vonnegut. Ihm gelingt es, in einem Satz gleichzeitig zärtlich und komisch und wahnsinnig traurig zu sein. Und das schafft er mit ganz einfachen Worten.«

Ein Zauber, der auch Jenny Valentines Erzählton zu eigen ist. Ihre beiden Protagonisten Lucas und Rowan lässt sie in den beiden Romanen in der Ich-Perspektive ihre Geschichten erzählen: »Als ich Lucas schrieb, war es sehr einfach seine Stimme zu finden. Er betrat die Seite und ich folgte ihm einfach.«

So wie Lucas in Valentines Debüt hat auch Rowan in Valentines zweitem Roman die Buchseiten wie eine Bühne betreten. Es ist ein Glück für Valentines Leserinnen und Leser, Rowan kennenzulernen: Rowan, die verstanden hat, dass jeder Mensch auf seiner eigenen Insel aus Trauer und Sehnsucht zu Hause ist. Aber die es auch versteht, von Insel zu Insel zu springen. Rowan, die jeden, der ihre Geschichte liest, verändern wird – und die ›Kaputte Suppe‹ für mich zu einem der bewegendsten Bücher dieses Frühjahrs macht.

Susanne Krones, Lektorin der Reihe Hanser

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