Karla Schneider: Die Geschwister Apraksin

Eine Empfehlung von Gabriele Leja, dtv Lektorat Reihe Hanser

Russland im September 1916: Der Bürgerkrieg macht das Land unsicher. Das müssen auch die fünf Geschwister Klascha, Polly, Ossja, Fedja und Dillotschka am eigenen Leib erfahren. Nicht genug, dass ihre Mutter nach der Geburt der kleinen Dillotschka gestorben ist, nun kommt auch ihr Vater, der Kaufmann Apraksin von »Aprkasin Produktenhandel« von einer Geschäftsreise nicht mehr zurück.
Als die kommunistische Bürokratie nicht nur nach dem Geschäft des Vater und nach dem Wohnhaus der Familie greift, sondern die Kinder auf verschiedene Kinderheime, Verwahranstalten und Eliteinternate verteilen will, nehmen die Geschwister Aprkasin ihr Schicksal in die eigenen Hände. Alles kann man mit ihnen machen, nur trennen, trennen darf man sie nicht.
Bei Nacht, jeder mit einer Tasche mit dem Allernötigsten ausgestattet, machen sich die Kinder auf den Weg. Viele Monate werden sie auf der Flucht sein. Wochenlang fahren sie in überfüllten Zügen, die keinem Fahrplan mehr gehorchen – zuerst nach Süden, dann nach Norden. Oder auf einem Seelenverkäufer über das Schwarze Meer, bedroht von dem gefürchteten Wintersturm Bora. Die Geschwister Aprkasin erleben für ein knappes Jahr so etwas wie Frieden und normales Leben auf der Krim, bis sie der Bürgerkrieg auch dort einholt und sie erneut fliehen müssen.
Auf ihrer Odyssee lernen sie seltsame und grausame, gutherzige, großzügige Menschen kennen: reisende Künstler, Gauner, demobilisierte Soldaten, Jüngerinnen von Isadora Duncan, Staatsdichter, Politkommissare, Adlige und Großbürger, Gauner und Schieberkönige. Nicht nur einmal geraten sie in brandgefährliche Situation, verlieren ihre kümmerliche Habe, aber nie werden sie sich trennen. Nur: können sie das durchhalten?

Die Geschwister Apraksin‹ von Karla Schneider ist nicht nur ein Russland-Roman der Extra-Klasse, sondern zugleich auch eine opulente und wortgewaltige Reise- und Abenteuererzählung. Der Leser begleitet die 12-jährigen Polly, freut sich mit ihr, bangt mit ihr und wird Zeuge, wie Polly, die Gymnasiastin aus großbürgerlichem Hause, auch eine Reise zu sich selbst macht.
Am Ende fällt der Abschied von den Apraksins ganz schön schwer. Fast so, als würde man sich von Figuren aus Dostojewskis Romanen trennen müssen. Ein großer und ein großartiger Roman.

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