Katherine Scholes: Die Nacht der Vögel

Eine Empfehlung von Julia Malik, Lektorat dtv Reihe Hanser

Katherine Scholes: Die Nacht der Vögel
Es beginnt mit einem gewaltigen Sturm. Wellen peitschen über das Meer, überschlagen und brechen sich. Die kalte Gischt spritzt Meter hoch. Regen prasselt nieder. An Land reißt der Wind an Bäumen, entwurzelt sie, die Luft ist von nassem Holz und Seetang geschwängert.

An diesem Morgen wacht ein kleines Mädchen in einem Haus an der Meeresküste auf. Sie tritt auf den Vorplatz des alten Bootsschuppens, und dort sieht sie sie kauern, liegen, dem Sturm trotzen: unzählige grau-weiße Seevögel, die starr wie Statuen mit geschlossenen Augen Schutz suchen vor der Gewalt der Natur.

Aber Annie, das Mädchen, weiß, was zu tun ist. Sie weckt den Großvater, und gemeinsam treten sie hinaus in das Unwetter. Der Sturm zerrt an ihnen und macht jede Bewegung schwerfällig, doch beide lassen sich nicht beirren. Mit klammen Händen sammeln sie die Vögel auf, tragen einen nach dem anderen in den Bootsschuppen, der Rettung verspricht. Hagel rasselt auf sie nieder.

Was sind das für Vögel? Woher kommen sie? Und werden sie überleben? Annie hat unzählige Fragen, und auf viele hat der Großvater, als sie im warmen Haus sitzen, eine Antwort.

In der nachfolgenden Nacht erwacht Annie bei Mondschein. Lass die Vögel in Ruhe. Es sind wilde Tiere, hatte ihr Old Joe noch gesagt. Trotzdem schleicht sie sich in den Bootsschuppen, um nach den Vögeln zu sehen. Das Unwetter hat sich inzwischen fast verzogen. Und da sitzen sie: dicht an dicht gedrängt und sich gegenseitig wärmend  ̶ Tiere, die Tausende von Meilen über den Globus ziehen, um ihre Nistplätze aufzusuchen, und den Menschen aus dem Weg gehen. Durch eine kleine Luke im Schuppen dringt ein Lichtstrahl ins Innere. Vorsichtig bleibt Annie im Dunkeln des Raumes und wird Zeugin einer Konferenz unter Seevögeln, über deren Lebensgewohnheiten sie bisher nicht einmal nachgedacht hatte. ›Die Nacht der Vögel‹ hat begonnen …

In ihrem Roman für Kinder lässt die in Tansania geborene Autorin Katherine Scholes die Naturgewalten lebendig werden.  ›Die Nacht der Vögel‹ macht den Sturm, den Annie und die Tiere erleben, fühlbar: den Regen, die Kälte, die damit einhergehende Angst. Die Seevögel, die vor dem orkanartigen Unwetter Schutz suchen, sind keine niedlichen Tiere: Sie bleiben wild und faszinierend, auch für das Kind. Im Haus führen Annie und ihr Großvater lange Gespräche. So erfährt das Mädchen von der Flugroute der Vögel, sie reden über den Tod, aber Old Joe erzählt ihr auch alte Legenden, die von Zugvögeln handeln, und Annie lauscht aufmerksam.

Katherine Scholes ist es wunderbar gelungen, eine spannende und eindrückliche Geschichte zu schreiben, deren Protagonisten man nicht vergisst und die kindliche Geheimnisse offenlässt. Erstaunlich ist, dass dieser großartige Roman in Deutschland noch nicht angemessen von den Lesern entdeckt wurde. An dieser Stelle müssen neben dem Text die kongenialen Schwarz-Weiß-Zeichnungen aus  ›Die Nacht der Vögel‹ genannt werden, die dem Leser die Bedrohung durch den furchteinflößenden Sturm sichtbar werden lassen.

Quint Buchholz, der durch vielzählige Cover, Bilderbücher und Kinderromane bekannt wurde, ist ihr Illustrator. Mit weiten Schwingen zieht in einem seiner Bilder ein Vogel über das aufgewühlte Meer, während Blitze den schwarzen Himmel durchzucken. Zärtlich zeichnet Buchholz die blonde Annie, die im Regen behutsam und auf Knien einen Vogel aufsammelt. Ihre Haare sind vom Wind verweht, als sie sich dem kauernden Tier vorsichtig nähert. Im Haus zeigt er sie nachts im Schlafhemd vor der holzgemaserten Wand. Es ist der genaue Blick, der Realismus, der hier eine Symbiose mit einer dichten, stimmungsvollen Atmosphäre eingeht, der seine Bilder so eindringlich macht.

Höchste Zeit für alle jungen Leser, diesen Schatz zu heben.

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