Kühlfach zu vermieten

Empfehlung von Prof. Dr. med. Matthias Graw, Rechtsmediziner

Nach ›Kühlfach 4‹ und ‹Im Kühlfach nebenan‹wird in Jutta Profijts neuestem Krimi ›Kühlfach zu vermieten‹ nun Paschas drittes Abenteuer veröffentlicht. Wenn man der in ›Ich-Form‹ geschriebenen Geschichte glauben darf, hat Pascha sie selber verfasst und an den Deutschen Taschenbuch Verlag gemailt. Wer Pascha noch nicht kennen sollte, dem sei kurz erklärt:
Es handelt sich um einen ermordeten Autoschieber, dessen Seele sich nicht gen Himmel bewegt, sondern sich an die Fersen des Rechtsmediziners Martin Gänsewein hängt. Dieser ist die einzige Person, mit der er direkt kommunizieren kann. Auf Drängen dieser Seele beginnt der Rechtsmediziner zu ermitteln und klärt zusammen mit dem Geist im ersten Buch den Mord an Pascha, im zweiten Buch eine Brandstiftung in einem Kloster und jetzt  … nun, sagen wir: mehrere Delikte auf, um hier nicht zu viel zu verraten.

Im rechtsmedizinischen Institut in Köln erkrankt der bisherige Institutsleiter und wird durch einen Fachfremden und Nichtmediziner, einem echten Management-Typ ersetzt. Dieser organisiert das gesamte Institut um, orientiert am wirtschaftlichen Maximalerfolg »mit der Zielsetzung, einige Optimierungen im Bereich der Kosteneffizienz vorzunehmen«. Die Idee, im heißen Kölner Sommer Kühlfächer an Bestattungsunternehmen zu vermieten, hat weitreichende Folgen und ermöglicht erst das dann folgende Geschehen, was wiederum allerlei Wirren in das Tagesgeschäft von Dr. Gänsewein, aber auch in das Seelenleben von Pascha bringt. Pascha verliebt sich nämlich, wobei angesichts fehlender Materie und Kommunikationsfähigkeit die Liebe sehr einseitig und virtuell bleibt.

Neben der durchaus realistischen Forderung, ein Institut betriebswirtschaftlich erfolgreich zu führen, dabei aber die fachliche Kompetenz zu wahren, spielt ein zweites wichtiges Thema eine Rolle: Es geht um das Problem der postmortalen Gewebespende sowie um kriminelle Organentnahmen. Das alles birgt  reichlich Stoff für eine spannende und unterhaltsame Lektüre, gewürzt mit rechtsmedizinischem Hintergrundwissen. Das ist durchaus realitätsnah, wenngleich die eine oder andere Situation der Dramaturgie geschuldet sehr frei gestaltet wird. Nicht umsonst führt die Autorin, rechtsmedizinisch beraten, im Nachwort auf: Ich beanspruche das Recht auf künstlerische Freiheit für meinen Rechtsmediziner Martin Gänsewein. In der Realität ist das Arbeitsleben eines Rechtsmediziners aber doch nüchterner und meistens auch ruhiger, v.a. da er eben nicht selber ermittelnd in die Geschehnisse eingreift.

Auch aus Sicht eines Rechtsmediziners ist das Buch absolut lesenswert, es birgt einige überraschende Wendungen, ist spannend und flüssig geschrieben, mit einer augenzwinkernden Distanz zum tatsächlichen Routinebetrieb in der Rechtsmedizin, den die Autorin ja aus eigener Anschauung kennt. Das Buch bietet auf jeden Fall genügend Stoff für eine Diskussion zwischen Rechtsmediziner (›Realität‹) und Autorin (›Fiktion‹); auf die Krimilesung im März 2011, bei der Jutta Profijt Gast im Münchener Institut für Rechtsmedizin sein wird,  freue ich mich auf jeden Fall sehr!

Prof. Dr. med. Matthias Graw / Institut für Rechtsmedizin LMU

 

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