Laabs Kowalski: Das Mädchen, das den Himmel nicht mochte

Eine Empfehlung von Karoline Adler, dtv Lektorat Allgemeine Belletristik

»Die Welt, sie zerbrach wie ein Keks.«

Es ist die kleinbürgerlich-unspektakuläre Welt des 12-jährigen Frank Adam, die im Sommer 1976 kaputt gehen soll. Für den dicklichen, schüchtern-verträumten Außenseiter Frank ändert sich alles, als an einem heißen Junitag Familie Dembrock in das benachbarte Reihenhaus zieht. Die Dembrocks sind irgendwie anders. Die Mutter ist Alkoholikerin, der Vater cholerisch und aggressiv und auch der ältere Sohn fackelt nicht lange. Einzig die gleichaltrige und rotzige Eva hat es Frank angetan.

Kowalski MädchenEva trägt Tag und Nacht ihre roten Gummistiefel, aber Frank traut sich nicht, nach dem Grund zu fragen. Ebenso wenig nach der Ursache der seltsamen Geräusche, die aus dem Dembrock‘schen Keller dringen, den Eva als Einzige der Familie betreten darf. Die Ereignisse überstürzen sich, kaum dass die Sommerferien angefangen haben: Franks älterer Bruder wird von einem Lastwagen überfahren und stirbt. Die Mutter verzweifelt darüber und verfällt dem Alkohol, der Depression und später Herrn Dembrock. Frank lüftet das Geheimnis von Evas Gummistiefeln und entdeckt entsetzt, was es mit dem Keller der Nachbarn auf sich hat.

Und natürlich verliebt er sich Hals über Kopf in Eva. Auf der Flucht vor der trostlosen Welt der Erwachsenen machen sie ein einsam gelegenes Haus ausfindig, in dem eine alte Frau mit ihrem toten, mumifizierten Mann lebt, das Ehepaar Hämmerlein. Dort verlebt die kleine, skurril zusammengewürfelte Truppe den Sommer, fernab aller Katastrophen einer sich  auflösenden Welt. Doch das Glück währt nicht ewig; alles entwickelt sich, alles ist im Fluss. Und vielleicht ahnt Frank schon, dass er am Ende des Sommers nicht nur seine Kindheit verloren haben wird …

Eine unglaublich rasant erzählte Geschichte, die wie eine harmlose Kindheitserinnerung beginnt und mit atemberaubendem Tempo in einen Albtraum führt. Auf nur 170 Seiten lässt Laabs Kowalski das spießbürgerliche Deutschland der 1970er-Jahre aufleben und erzählt eindringlich, tempo- und fantasiereich vom unwiederbringlichen Ende einer Kindheit. Ein Buch, das man in einem atemlosen Rutsch durchliest und mit Staunen schließt, dessen Bilder man nicht aus dem Kopf kriegt. Meine ganz persönliche Empfehlung für alle, die verrückt schillernde literarische Perlen entdecken wollen.

Über den Autor: Laabs Kowalski, 1963 in Dortmund geboren, ist der Urenkel einer ungarischen Zigeunerprinzessin. Er studierte Germanistik, Theater-, Film- und Fernsehwissenschaften und Soziologie, bevor er in den 1990er-Jahren mit dem Schreiben begann. Seitdem sind zahlreiche Romane und Erzählbände erschienen. Der Grimme-Preisträger arbeitete als Zeitungsredakteur, Herausgeber, Musikjournalist und Drehbuchautor und lebt mit seiner Familie in Köln.

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