Laurent Mauvignier: Was ist ein Leben wert?

Ein Buch, das einem keine Ruhe lässt

Laurent Mauvignier: Was ein Leben wert istLaurent Mauvignier erzählt in seinem jüngsten Buch ›Was ist ein Leben wert?‹ von einer zufälligen Begegnung in einem Pariser Supermarkt. Ein junger Mann nimmt gedankenlos eine Dose Bier aus dem Regal, öffnet sie und trinkt. Vier andere, fast gleichaltrige Männer beobachten ihn. Sie gehören zum Security-Team und überwachen den Verkaufsraum. Er bleibt stehen, während sie näherkommen. Bereitwillig lässt er sich abführen, und bemerkt zu spät, dass sie ihn nicht in ein Büro bringen, sondern in einen Lagerraum, einen Ort, an dem ihn niemand hören kann. Er wird die Bierdose mit seinem Leben bezahlen.

Laurent Mauvignier lässt einen Freund der Familie des Opfers zu Wort kommen. Der versucht, den Vorfall zu rekonstruieren. Vorsichtig tastet er sich an die tödliche Begegnung heran. Er weiß nicht viel, und gerade dieses Nichtwissen zeichnet ihn als Erzähler aus. Er stellt sich die Räume vor, die Gänge, die alltäglichen Gerüche und Geräusche. Das Unverständnis im Gesicht des jungen Mannes, als ihn im Lagerraum der erste Schlag trifft und er zu Boden geht. 

War er ein Dieb, ein Nichtsnutz, wie sein Vater denkt, oder war er einer, der sein Leben in vollen Zügen genoss, ein unabhängiger Geist? Der Erzähler stellt Fragen, auf die er keine Antwort weiß. Sein Monolog liest sich wie der Versuch, ein Leben zu spüren, das längst verloren ist, und es zugleich vor den Zuschreibungen und Festlegungen der anderen – der Justiz, der Eltern, der Zeitungsleute –zu schützen. Mit seiner Unvoreingenommenheit und seinen Fragen wehrt er sich dagegen, den Fall abzuschließen und ad acta zu legen. Und während er erzählt, scheint es, als verlöre er nach und nach die Kontrolle über seine Geschichte, als öffneten sich Dämme und eine Welle risse die Angst, die Wut, die Gewalt, die Kleinmut, die Erklärungsversuche, den Argwohn aller Beteiligten wie Treibgut mit sich. Alles, was mit dem Fall zu tun hat, das Menschliche und Unmenschliche, taucht plötzlich in der Flut seiner Worte auf und schlägt über dem Kopf des Lesers zusammen. Der letzte Absatz beschreibt ein Pfeifen im Kopf des Sterbenden, eine »Stimme, die weitermurmelt und unaufhörlich wiederholt, nicht jetzt, nicht so, nicht jetzt-« und endet mit einem Gedankenstrich. Der Erzähler macht keinen Punkt, sondern er fällt mitten im Satz in Schweigen, unverbunden, wie das Opfer in der Mitte seines Lebens aufhört zu atmen.  

Wenn man den schmalen Band zuschlägt, möchte man Luft holen, so tief ist man beim Lesen in den Strudel des Geschehens geraten. Luft holen, denn ein Aufatmen gibt es nicht. Laurent Mauvignier hat ein Buch über den Tod in unserer Zeit geschrieben, das einem keine Ruhe lässt. Einen kühnen, kraftvollen Text.

Eine Empfehlung von Alice Huth, freie Lektorin aus Frankfurt

 

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