Michel Bergmann: Machloikes

Eine Empfehlung von Sabine Doering, Professorin für Literaturwissenschaft

Vom Mief der Nachkriegszeit ist in diesem Roman nichts zu spüren. Wenn Michel
Bergmann von den 50er Jahren erzählt, wird das Frankfurter Bahnhofsviertel zum
aufregenden Schauplatz anrührender, urkomischer und  tieftrauriger Geschichten.

Michel Bergmann: MachloikesHier leben und arbeiten die Teilacher, die jüdischen Kleinhändler, die es irgendwie geschafft haben, dem Krieg und Hitlers Vernichtungsmaschinerie zu entkommen. Ihre Kinder sollen es, natürlich, besser haben, sie sind »Pfeile in die Zukunft«. Jeden Sommer werden sie im zionistischen Jugendlager im Schwarzwald auf das Leben in Israel vorbereitet, doch für die Teenager aus der Großstadt ist die amerikanische Jazzmusik aus ihren Kofferradios viel interessanter als das Krafttraining im Freien.

Ihre Eltern haben sich in Frankfurt eingerichtet und versuchen dort ein normales Leben zu führen. Allerdings geraten sie immer wieder in Machloikes – Ärger, Zoff, Zwist. Der junge Alfred beobachtet das alles mit Neugier und hat selbst genug Probleme. Denn womit soll er das Geld für das ersehnte Rennrad verdienen, und wie kann er endlich der schönen Juliette näherkommen, die von ihrer überängstlichen Mutter streng bewacht wird? Bei der heimlichen Probe eines Theaterstücks in der jüdischen Gemeinde kommt es zu einem Eklat, der großen Dramen in nichts nachsteht.

Allgegenwärtig liegt hinter allem aber die dunkle Vergangenheit. Der Teppichhändler Robert Fränkel, der vor dem Krieg ein Star der Berliner Kabarettbühnen war, wird Woche für Woche vom CIA verhört. Warum konnte ausgerechnet er das KZ verlassen und bekam sogar einen deutschen Ausweis? Gehörte er womöglich zu den verachteten Kollaborateuren? Fränkels Geschichte verschlägt nicht nur dem abgebrühten US-Offizier die Sprache: Als Witzeerzähler wurde der jüdische Entertainer engagiert, um Hitler für die Konversation mit Mussolini ein paar überzeugende Pointen beizubringen.

Das alles ist so unglaublich, dass man es Michel Bergmann, diesem leidenschaftlichen Erzähler, nur zu gerne abnimmt. Voll Anteilnahme und mit unermüdlichem Witz lässt er seine Figuren lebendig werden und zeichnet ein mitreißendes Panorama des jüdischen Frankfurt. Anschaulicher und bewegender lässt sich von diesem Kapitel der Nachkriegsgeschichte nicht erzählen.

Sabine Doering, Professorin für Literaturwissenschaft, Universität Oldenburg

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