Mordkommission

Buchempfehlung von Dr. Dr. Frank Ebert

Mord und Totschlag als Unterhaltung? Die Attraktivität von Kriminalromanen und -filmen fußt auf der Bejahung dieser Frage. Und dann gibt es noch die Realität…

Der Autor greift diese Lebenswirklichkeit auf. Als Leiter einer Mordkommission beim Polizeipräsidium München erläutert er von Berufs wegen deren ebenso abwechslungsreiche wie anspruchsvolle Arbeit. Aus ihm spricht, wie nicht anders zu erwarten und durch seine bemerkenswerte Vita unterstrichen, ein hohes Maß an Fachkunde und langjährige Berufs- und Lebenserfahrung.

Der Titel klingt auf den ersten Blick reißerisch, lässt aufhorchen und macht auf den Inhalt neugierig. In 32 Kapiteln gewährt der Autor dem Leser eindringlich und eindrucksvoll Einblick in abgeschlossene, spektakuläre Fälle. Fernab jeder Fiktion führt er den Leser durch geronnene Kriminalgeschichte, wie sie das Leben schreibt – plastisch, mitreißend, atemberaubend und doch wirklichkeitsnah, gewandt, bisweilen sogar kurios.

Der plaudernde Erzählton, der bisweilen humorvolle Züge trägt, vermag nicht über die ungeschönte und unverstellte Schilderung der Konfrontation mit dem Tod hinwegzutäuschen. An den passenden Stellen erscheint der Umgang mit den Tätern nüchtern und konsequent, mit den Opfern und ihren Angehörigen einfühlsam, gelegentlich nachvollziehbar rührselig. Der Leser ist in jedem Augenblick der Schilderung dabei, er schaut dem Autor gleichsam über die Schulter. Er ist dabei, wenn die Polizei einen Tatort in Augenschein nimmt und wenn sie Spuren sichert, er nimmt an den weiteren Ermittlungen hautnah teil, erfährt wie Zeugen befragt und Verdächtige überführt werden. Er erlebt, innerhalb welcher rechtsstaatlicher Grenzen sich die Polizei zu bewegen hat und welche Rolle Rechtsmedizin und Justiz bei der Aufklärung von Kapitalverbrechen spielen. Er empfindet die persönlichen Belastungen der Kriminalbeamten und was es heißt, Tag und Nacht einsatzbereit und hellwach sein, Todesnachrichten überbringen und auf Tuchfühlung mit dem Letzten, Endgültigen leben zu müssen. Der Autor macht den Leser mit Örtlichkeiten, Personen und Umständen vertraut, als wäre er Augenzeuge der jeweiligen Situation. Ihm  ist die hohe Kunst gelungen, bei aller Sachlichkeit einen Spannungsbogen zu schlagen, der den Leser nicht mehr auslässt.

Beeindruckend ist das psychologische Feingefühl, das jede einzelne Fallschilderung durchzieht. Wie im stets wiederkehrenden Wettlauf von Räuber und Gendarm zeigt der Autor plumpe Tötungsmotive schlicht gestrickter Täter ebenso auf wie raffinierte Vorgehensweisen solcher, die sich clever wähnten. Stets finden die Schicksale der Opfer und ihrer Angehörigen gebührend Beachtung. Die Schonungslosigkeit der Situation tritt besonders zutage, wenn Kinder betroffen sind. Dann kämpfen auch hartgesottene Kriminaler mit den Tränen. Doch jeder Fall ist anders, hat seine eigenen Windungen und Wendungen. Dass heutzutage subtile kriminaltechnische Methoden eine bedeutsame Rolle bei der Aufklärung von Verbrechen spielen können, die teilweise jahrzehntelang zurückliegen und als „unaufklärbar“ galten, darf den Autor mit berechtigtem Stolz erfüllen und die Allgemeinheit mit Zuversicht. Gelegentlich, wenn „Kommissar Zufall“ bei der Aufklärung mithilft, hat sogar auch einmal die Polizei Glück – und der Täter sein verdientes Pech.

Nach der Lektüre hat man das Gefühl, dass Kapitaldelikte bei nüchterner Betrachtung grausame Bestandteile des menschlichen Zusammenlebens sind. Vermutlich sind sie gerade deshalb als Roman- und Filmsujet so interessant. Der Autor spricht auch diesen Umstand deutlich an („Faszination des Schreckens“, S. 226). Dass dieser Stoff mit 237 Seiten Spannung in „Mordkommission“ nun das Sachbuchgenre erobert, steigert bei einer so gelungenen Dokumentation nur seine Attraktivität

Ministerialrat Dr. Dr. Frank Ebert
vormals Leiter der Polizeiabteilung
des Thüringer Innenministeriums,
Erfurt

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