Nicolas Wolz: »Und wir verrosten im Hafen«

Eine Empfehlung von Helga Jesberger, Lektorat Sachbuch

Mit dem Ersten Weltkrieg sind vor allem Bilder von Grabenkämpfen, zerstörten Orten und Schlachtfeldern wie Verdun und Ypern verbunden. Der Seekrieg zwischen Deutschland und Großbritannien wurde bisher wenig beachtet. Nicolas Wolz hat in seinem Buch »Und wir verrosten im Hafen« die Geschichte dieses Krieges anhand von bisher unveröffentlichten Briefen und Tagebüchern aus den Archiven beider Nationen nachgezeichnet.

»Und wir verrosten im Hafen«Es war die Idee Kaiser Wilhelms II., dass aus der Kolonialmacht Deutschland eine See- und Weltmacht werden solle. Mit dem Bau der Flotte beauftragte er Konteradmiral Alfred von Tirpitz. Mit großem Aufwand wurden Kreuzer, Schlachtschiffe, gepanzerte Linienschiffe mit großkalibrigen Geschützen, später U-Boote gebaut und in strategisch wichtigen Häfen stationiert.

Großbritanniens Royal Navy sah sich gezwungen, in ein Wettrüsten einzusteigen. Nicht zuletzt dieses Kräftemessen führte dazu, dass sich beide Nationen zu Beginn des Krieges als erbitterte Gegner gegenüberstanden. Doch die großen Seeschlachten blieben zunächst aus, verhindert durch  Englands Blockade-Strategie. Sehr zum Leidwesen der deutschen Marine. Vor allem die Offiziere fühlten sich in ihrer Soldatenehre gekränkt, da sie nicht zum Einsatz kamen.

Das Leben an Bord, die Alltagsroutine und das Warten auf den ersehnten Kriegseinsatz, haben viele Seeleute, einfache Matrosen wie Offiziere, in Briefen an ihre Familien und Freunde und in Tagebüchern beschrieben. »Der Dienst ist wieder der gleiche wie im Frieden«, stellte Matrose Richard Stumpf von der Helgoland fest, »am vergangenen Freitag wusste der Offizier wirklich nimmer, womit er die Leute beschäftigen sollte…«. »Es wird scheinbar überhaupt kein Krieg mehr geführt, die Marine versinkt immer mehr in einen Dornröschenschlaf«, beschwerte sich ein Kapitänleutnant in einem Brief im Oktober 1914. Doch dann kamen endlich Einsatzbefehle. Am Skagerrak traf die deutsche Flotte auf die britischen Schlachtkreuzer, es kam zur größten Seeschlacht des Ersten Weltkriegs mit erheblichen Materialverlusten und Tausenden Toten auf beiden Seiten. Einen eindeutigen Sieger gab es allerdings nicht.

Es sollte der deutschen Marine auch im weiteren Verlauf des Krieges nicht gelingen, entscheidend in das Geschehen einzugreifen. Die Befehlshaber waren verzweifelt, unter den Mannschaften kam es zu kleineren Meutereien. Selbst noch nach dem Waffenstillstand wollten die Truppenführer eine Entscheidungsschlacht gegen England herbeiführen, aber da verweigerten die Mannschaften endgültig den Gehorsam – der Beginn der Revolution von 1918. Die Hochseeflotte wurde im britischen Flottenstützpunkt Scapa Flow festgesetzt und versenkte sich dort im Juni 1919 selbst.

Die Geschichte der ersten deutschen Flotte ist auch eine Geschichte von falsch verstandenem Heldentum, vom Ehrgeiz der politischen Führung und einer Kriegsbegeisterung, die in Frustration endet. Der Autor hat daraus ein sehr spannendes Buch gemacht.

Eine Empfehlung von Helga Jesberger, Lektorat Sachbuch

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.