Nikolai Gogol: Tote Seelen

Eine Empfehlung von Sabrina Müller, dtv Lektorat Klassik

Tote Seelen

»Wie, ein Kaufvertrag für Tote?« Nikolai Gogol, der als Meister der Groteske und Satire gilt, war vielen seiner Zeitgenossen ein Rätsel.

Mit seinen zunächst recht komödiantischen, zunehmend satirisch-gesellschaftskritischen Erzählungen, die bereits einen Hang zum Düsteren erahnen lassen, machte er sich schnell einen Namen. Auf diese Phase des Erfolgs hin fiel er jedoch in eine schwerwiegende religiöse Krise. Immer häufiger auftretende Psychosen lösten eine Schaffenskrise aus, der er mit zahlreichen Reisen und Wallfahrten entgegenzuwirken versuchte.

Während dieser Zeit entstand der erste Teil einer geplanten Trilogie: sein einziger Roman ›Tote Seelen‹. Das Originalmanuskript zum zweiten Teil verbrannte der Autor in einem Wahn, weshalb von diesem nur noch eine fragmentarische Fassung erhalten ist. Bevor er sich dem dritten Teil widmen konnte, verstarb Gogol infolge seines streng religiösen Fastens.

Als ›Tote Seelen‹ wurden in Russland üblicherweise verstorbene Leibeigene bezeichnet, deren Tod noch nicht amtlich registriert worden war. Bis zum Zeitpunkt der Revision mussten die Gutsbesitzer Steuern für diese sogenannten toten Seelen entrichten.

Diese Tatsache macht sich Gogols aus ärmlichen Verhältnissen stammender Protagonist Pawel Iwanowitsch Tschitschikow zunutze: Er kauft den Gutsbesitzern ihre toten Seelen ab und lässt sich für diese staatliche Kredite zur Förderung eines Potemkinschen Dorfes geben. Das Geschäft mit den toten Seelen floriert: »Tschitschikows Käufe wurden Stadtgespräch. Es kursierten Gerüchte, Meinungen und Mutmaßungen darüber …« So bekommt auch die Polizei Wind von der Sache und wird auf den Geschäftsmann aufmerksam…

Vera Bischitzkys Übersetzung hält sich penibel an den Stil des Sprachvirtuosen Gogol, der uns heiter und zugleich mit trockenem Ernst die Geschichte eines Helden erzählt, bei dem man sich immer wieder fragt, ob man ihn nun leiden kann oder nicht. Sowohl durch die pikareske Zeichnung des Protagonisten als auch strukturell erinnert ›Tote Seelen‹ an das Genre des Schelmenromans. Auf satirische Weise hält Gogol der russischen Gesellschaft seiner Zeit den Spiegel vor, und sich selbst:

»In alle Figuren habe ich etwas von mir hineingetan«, schreibt er, »eine meiner unangenehmen Eigenschaften, die habe ich dann vergrößert, bis ich selbst davor erschrocken bin …«

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