Oscar Wilde: Das Bildnis des Dorian Gray

Eine Empfehlung von Simone Drönner, freie Redakteurin

»So etwas wie ein moralisches oder ein unmoralisches Buch gibt es nicht. Bücher sind gut geschrieben oder schlecht geschrieben. Das ist alles.« Oscar Wilde

Na, wenn das alles ist, Mr Wilde – dann dürfte folgendes Urteil im Fall ›Dorian Gray‹ wohl statthaft sein: gut geschrieben! Dies jedoch sahen viele Zeitgenossen Oscar Wildes völlig anders, als die Geschichte vom schönen, blond gelockten Jüngling im Jahr 1890 erstmals erschien. Empörung, Wut und harsche Kritik schlugen dem Autor entgegen. 

Oscar Wilde: Das Bildnis des Dorian GrayUnanständig und moralisch verwerflich sei das Werk, dessen junger Protagonist sich zu Beginn des Romans vom Maler Basil Hallward porträtieren lässt. Der dabei ebenfalls anwesende Lord Henry Wotton – eloquent, skrupellos und nie um ein kurioses bis anstrengendes Bonmot verlegen – ist begeistert von Dorian Grays Schönheit. Er ist es, der Dorians Jugend hymnisch preist und ihm die viel zitierten (und später überaus beherzigten) Worte einflüstert: »Die einzige Methode, eine Versuchung loszuwerden, besteht darin, dass man ihr nachgibt.«

 

Als Dorian sein Porträt zum ersten Mal sieht, ist er überwältigt von seiner eigenen Schönheit und versteigt sich zu der Äußerung, seine Seele hinzugeben, wenn doch nur das Bild an seiner Stelle altern möge. Dieser faustisch anmutende Handel – Dorian spricht später von einem Gebet – kommt zustande. Der junge Mann bleibt von Runzeln und grauen Haaren verschont, während sein Ebenbild altert und die Zeichen seiner Sünden trägt. Doch um welchen Preis …

Auch wenn sich heute wohl kaum mehr jemand über Oscar Wildes Skandalgeschichte ereifern würde, übt sie nach wie vor eine schauerliche Faszination aus. Lutz-W. Wolff, der dem Roman mit seiner Neuübersetzung einen frischen Anstrich verpasst hat, spricht vom »Höllensturz des Dorian Gray« – stürzen wir mit: im sicheren Lesesessel.

Eine Empfehlung von Simone Drönner, freie Redakteurin

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