Philippe Besson: Der Verrat des Thomas Spencer

Eine Empfehlung von Dirk Hemjeoltmanns, Herausgeber der edition manholt im dtv

Der neue Roman von Philippe Besson, ›Der Verrat des Thomas Spencer‹, führt uns in die Vereinigten Staaten. Dennoch handelt es sich im eigentlichen Sinn nicht um einen Amerikaroman, vielmehr ist die ländliche Provinz von Mississippi nur der äußere Rahmen eines tragischen Beziehungsgeflechts. Doch von vorn: Der Ich-Erzähler Thomas Spencer unterbreitet dem Leser in Form eines rückblickenden Tagebuchs, das er im Alter von 29 Jahren zu schreiben beginnt, die Kindheits-, Jugend- und zum Schluss Erwachsenenwelt von Paul und Thomas, zwei Nachbarjungen, die beide am 6. August 1945 geboren sind und dann wie Zwillingsbrüder aufwachsen.

Philippe Besson: Der Verrat des Thomas SpencerAlles deutet auf einen harmonischen Gleichklang im Lebenslauf dieser beiden Jungen, doch durch den dramaturgischen Kunstgriff, diese Geschichte aus dem Rückblick zu erzählen, drängt sich einem von Anbeginn das Gefühl einer stetig wachsenden Spannung auf, da der Gegenstand des Verrats und seine Folgen erst am Ende dieser Chronologie einer zerbrochenen Freundschaft dem Leser enthüllt werden. In das wie ein psychologisches Kammerspiel inszenierte Lesestück bringt erst zur Zeit der Pubertät ein junges Mädchen eine neue Dimension der Erfahrung in die enge Knabenfreundschaft ein.

Claire entscheidet sich früh und eindeutig für Paul, sie ist wie es so schön heißt sein Mädchen. Nichts kann anscheinend den nunmehr harmonischen Dreiklang beschweren. Wie selbstverständlich unternimmt man alles gemeinsam, lernt die kleinen Freuden des Kneipenbesuchs, des Flipper- und Billardspiels, die gleichsam einzigen Abwechslungen in einem Provinzkaff neben dem Schwimmengehen.

Wie selbstverständlich begleitet Paul seinen Freund Thomas, bei dessen Suche nach seinem leiblichen Vater – denn der hatte sich schon vor Thomas’ Geburt auf und davon gemacht –  im benachbarten Bundesstaat. Denn man ist 17, darf Autofahren und bricht zur ersten großen Reise, zur ersten großen Reise in die Freiheit über den gewaltigen Fluss, den Mississippi, natürlich gemeinsam auf. Es wird ein Fehlschlag, denn man findet zwar die Adresse des Vaters, aber Kindergeschrei im Haus hält Thomas davon ab, näher zu treten. Fast wortlos fahren die beiden zurück, seiner Mutter gegenüber nur ein lakonisches Abwinken, man habe das falsche Haus aufgesucht. Und wie selbstverständlich schließt sich nun der gemeinsame Besuch der Highschool an.

Von Anbeginn werden in dieses rückblickende Tagebuch – Orientierungsbojen ähnlich – nur äußerst knapp, ohne große Erklärungen die wichtigsten zeitgeschichtlichen Ereignisse eingestreut: die Hiroshimabombe, der Koreakrieg, die Ermordung Kennedys und letztlich der Vietnamkrieg. Und genau damit nimmt die fast antik anmutende Tragödie ihren Lauf. Der attraktive, körperbetonte Paul meldet sich freiwillig, lässt keinen Widerspruch gegen seine Entscheidung zu und schreibt nun von der Front am 16. Breitengrad an Claire, die für mehrere Jahre aus dem Leben der beiden jungen Männer verschwunden war, in der gemeinsamen Schulzeit aber wieder auftaucht.

Und nun ist es ernst geworden zwischen ihr und Paul. Aber auch das Unausbleibliche tritt ein, Claire und der zu Hause gebliebene Thomas gehen eine sexuelle Beziehung ein, gleichwohl bleibt Paul ihre große Liebe. Und das andere geschieht auch, Paul kehrt zurück – schwer verwundet, äußerlich entstellt, erkennt, ohne dass ein Wort darüber fällt, mit einem Blick die für ihn dramatische und aussichtslose Situation. Die Selbsttötung mit seiner Militärpistole ist für ihn der einzige Ausweg. Wie versteinert gehen Claire und Thomas auseinander, Thomas verlässt fast fluchtartig den Heimatort, zieht weit entfernt an die Ostküste und beginnt mit großem zeitlichen Abstand nach dem tragischen Ende einer scheinbar lebenslangen Freundschaft, seinen Verrat sich bewusst zu machen, indem er im Jahr des Rücktritts von Nixon im Jahr 1974 das Tagebuch zu schreiben anfängt. Ein intimes Zeugnis einer großen, scheinbar unendlichen Freundschaft.

Wie fast immer in seinen Romanen dringt Philippe Besson sehr tief, vor allem sehr genau in die Gefühlswelt seiner Figuren ein, setzt sie in ganz normale Verhältnisse, in denen jäh, durch zwei drei unvorhergesehene Wendungen, ein Drama, eine wirkliche Tragödie ausbricht. Ohne Sentimentalität hat sich Besson mit großer Könnerschaft einem Thema zugewandt, das in seiner Alltäglichkeit den Sprengstoff einer urplötzlichen Katastrophe enthält. Stilsicher geschrieben hat Philippe Besson ein äußerst lesenswertes Buch verfasst.

Dirk Hemjeoltmanns, Herausgeber der edition manholt im dtv

 

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