Ralph Skuban: »Guten Morgen, wer sind Sie denn?«

Eine Empfehlung von Daniel Bussenius, Lektorat dtv-Sachbuch

Ralph Skuban hat ein schonungsloses Buch geschrieben über seine Erfahrungen in 25 Jahren als Heimleiter eines kleinen Pflegeheims, in dem 30 schwerst Pflegebedürftige, überwiegend Demenzkranke, leben. Dabei handelt es sich mehr um einen Erfahrungsbericht als um eine Anklageschrift, eben um wahre Geschichten vom Leben und Sterben.

Skuban schildert seine Erlebnisse und Beobachtungen und ist dabei sehr zurückhaltend im Urteil über andere. Ja, er kritisiert auch die Politik. Die zu wenig finanzielle Ressourcen in das Pflegesystem gebe und das durch Reglementierung und Kontrolle zu kompensieren versuche, wodurch ein riesiger bürokratischer Aufwand erzeugt werde, der das Heimpersonal von der Wahrnehmung seiner eigentlichen Aufgabe, der Pflege, abhalte. Aber er hält zugleich den Medien vor, dass sie immer nur nach dem nächsten Pflegeskandal gieren, weil sich schlechte Nachrichten eben besser verkaufen als gute, worauf dann die Politik im Zweifelsfall wieder mit mehr Reglementierung antwortet.

»Guten Morgen, wer sind Sie denn?«Jenseits der Rahmenbedingungen macht Skuban keinen Hehl daraus, dass der Pflegeberuf deshalb ein anspruchsvoller und schwieriger Beruf ist, weil sich niemand wünscht, seine letzte Lebensperiode in einem Zustand von – im Extremfall – völliger Unselbstständigkeit zu verbringen. Sein Buch ist jedoch kein Plädoyer für die häusliche Pflege. Er selbst, als professioneller Pfleger, kann sich nur schwer vorstellen, einmal seine eigenen Eltern zu pflegen – wobei er aber auch deutlich macht, dass man nach seiner Erfahrung nicht im Voraus wissen kann, wie man sich in den vielen schwierigen Fragen entscheidet, die sich bei Pflegebedürftigkeit eines Angehörigen stellen. Da man im Voraus nur Vernunftgründe hat, in der konkreten Situation aber nach Gefühl entscheidet. Jedoch warnt er Angehörige davor, sich mit der häuslichen Pflege über jedes Maß hinaus zu überfordern und sich dabei zu ruinieren, sei es etwa gesundheitlich oder finanziell.

Das Buch endet mit einem Plädoyer für ein universalistisches Menschenbild. Ralph Skuban kritisiert die westliche philosophische Tradition, die in ihren Anthropologien immer darauf abgezielt habe, den Menschen von den Tieren abzugrenzen, und infolgedessen Kriterien für die Menschlichkeit aufgestellt habe, welche die meisten seiner Heimbewohner schlicht nicht erfüllt hätten.

 

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