Ramiro Pinilla: Nur ein Toter mehr

Eine Empfehlung von Ulrika Rinke, dtv Lektorat Unterhaltung

Manchmal ist die Realität besser als jeder Film. Und für Sancho Bordaberri ist ausnahmsweise das echte Leben spannender als jeder Kriminalroman, den er je verfasst hat. Der erfolglose Autor Sancho, den der baskische Schriftsteller Ramiro Pinilla in seinem atmosphärischen Krimi ›Nur ein Toter mehr‹ auf einen ungelösten Mordfall treffen lässt, wird zum Privatdetektiv – mit Hut, Trenchcoat und platinblonder Sekretärin.

 »Ach Sancho, es ist doch immer dasselbe: Sobald sie dir dein Manuskript zurückgeschickt haben, schließt du dich hier ein und suchst Trost bei Hammett und Chandler.«

Der Buchhändler Sancho ist passionierter Leser. Besonders Kriminalromane haben es ihm angetan, so sehr, dass er schon oft versucht hat, in die Fußstapfen der großen Autoren dieses Genres zu treten. Seine Assistentin Koldobike hat jeden seiner sechzehn Krimis gelesen und über seine schrägen Plots und missglückten Formulierungen nur den Kopf geschüttelt. Alles völlig unrealistisch und daneben! Kein Wunder, dass bislang jedes Manuskript abgelehnt wurde. Jetzt will Sancho seinen großen Traum vom eigenen Kriminalroman endlich aufgeben. Sechzehn Absagen – irgendwann muss Schluss sein.

Als er am Strand steht, um das dicke Bündel Papier, das mit der Post zurückkam, endgültig zu versenken, fällt sein Blick auf einen Felsen im Meer, an dem zehn Jahre zuvor ein Mord geschah – keiner, den er sich ausdenken müsste, sondern ein echtes Verbrechen. Und der Mörder lebt noch immer unerkannt unter ihnen. Kein Wunder: Man schreibt inzwischen das Jahr 1945, und kurz nach dem Mord begann der Spanische Bürgerkrieg. Wer fragt schon nach diesem einen Toten mehr, wenn doch jede Familie zahllose Opfer zu beklagen hat? Zumal der Tote ein zwielichtiger Geschäftemacher war, den ohnehin niemand leiden konnte?

Während Sancho noch rekapituliert, was damals am Felsen geschah, merkt er, dass er sich bereits mitten in seinem realistischen Kriminalroman befindet. Er beschließt, selbst zu ermitteln – so muss das Schreiben eines lebensechten Romans endlich gelingen.

Sein in sechzehn Romanen erprobter Detektiv Samuel Esparta – eine Art baskischer Sam Spade – wird fortan zu seinem Alter Ego, und wenn er nicht gerade in der Buchhandlung hinter dem eigens angeschafften Paravent sitzt und mit Koldobike über den Fall grübelt, macht Sancho alias Samuel mit Hut und Trenchcoat seine Runden durch das Dorf und verdächtigt alles und jeden. Und auch Koldobike übernimmt nach anfänglichem Zaudern die ihr zugedachte Rolle der platinblonden Sekretärin im hautengen Rock, die ein stilechter Privatdetektiv nun mal braucht.

Wer in den beiden ein ungleiches Paar wie Don Quixote und Sancho Pansa erkennt, ist auf der richtigen Spur, denn auch Samuel Esparta scheint Literatur und richtiges Leben nicht auseinanderhalten zu können, während Koldobike das Spiel eher ihm zuliebe mitspielt, damit ihm ja nichts zustößt.

Doch auch wenn Ramiro Pinilla, einer der wichtigsten Schriftsteller des Baskenlandes, mit größtem Vergnügen literarische Verweise streut: Davon unabhängig wird in dichter Sprache ein Kriminalfall in einem einzigartigen historischen Setting erzählt. Sancho jagt keinen Phantasiegebilden nach, wenn er durch den vom Bürgerkrieg gezeichneten Ort streift, in dem Nahrungsmittel knapp sind und Francos Soldaten noch immer Schrecken verbreiten. Und die beiden Buchhändler auf der Suche nach dem Mörder wachsen einem bei der Lektüre so sehr ans Herz, dass man wünschte, sie würden den Fall niemals lösen – so ungern verlässt man sie wieder.

Eine Empfehlung von Ulrika Rinke, dtv Lektorat Unterhaltung

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.