Die Romane von Reinhard Jirgl

Reinhard Jirgl hat im Jahr 2010 mit dem Georg-Büchner-Preis bereits die höchste Auszeichnung entgegengenommen, die der deutschsprachige Literaturbetrieb zu vergeben hat. Auf den Umschlagrückseiten jedes seiner Romane findet sich enthusiastisches Lob aus den Feuilletons. Paradoxerweise sind seine Texte für viele immer noch so etwas wie ein Geheimtipp. Das liegt vor allem daran, dass Jirgl es einem – auf den ersten Blick – nicht ganz leicht macht.

Schlägt man einen seiner Romane auf, stolpert man nahezu zwangsläufig: über eigenwillige Getrennt- und Zusammenschreibungen, ungewohnte Zeichensetzung und so einiges mehr. Und doch kann man sich mühelos darauf einlassen wie auf die Regeln eines neuen Kartenspiels – schwieriger wird es beim besten Willen nicht. Jede Abweichung von der gewohnten Orthographie ist intuitiv zugänglich, so beispielsweise, wenn fast überall, wo „eine“, „ein“ und „eins“ auftaucht, die Ziffer 1 eingesetzt wird, oder wenn aus der „Generation“ die „Gene-Ration“ wird – ein Kalauer, der die Lektüre um eine Anspielung bereichert.

Die kleine Irritation, die sich aufgrund der ungewohnten Schreibungen einstellt, macht aufmerksam für eine Sprache, die in ihrer Dichte und ihrem Bilderreichtum an expressionistische Poesie erinnert, häufig auch, gerade in den fantastischen Naturbeschreibungen und mikroskopischen Momentaufnahmen, an Arno Schmidt, um dann in bernhardschen Weltekel zu kippen oder doch wieder neusachlich-nüchtern zu werden. Mit diesem unglaublich präzisen sprachlichen Werkzeug bearbeitet Jirgl seine großen, immer wiederkehrenden Themen: deutsche Geschichte, die Gewalt innerhalb politischer Systeme und im Zusammenleben der Menschen und ihre Auswirkungen auf den Einzelnen, die Anziehung zwischen Mann und Frau und das Leiden aneinander.

Es gäbe noch viel zu Jirgls Schreiben zu sagen und womöglich ebenso viel zur Person des Autors selbst und seinem hochinteressanten Werdegang (vom Elektroingenieur zum Beleuchter in der Volksbühne zum Autor, gefördert unter anderem durch Heiner Müller) –  doch die eigene Lektüre ist durch nichts zu ersetzen. Sie wird nicht jeden Leser gleichermaßen begeistern, denn oft ist es gerade die Hässlichkeit der Welt, aus der der Autor den größten ästhetischen Gewinn schlägt. Wer dieses Potential der Literatur zu schätzen weiß, ist bei Jirgl richtig.
 

Eine Empfehlung von Ulrika Rinke, freie Lektorin
 

Alle Bücher von Reinhard Jirgl bei dtv:

Reinhard Jirgl
Abschied von den Feinden
Reinhard Jirgl
Abtrünnig
Reinhard Jirgl
Die atlantische Mauer
Reinhard Jirgl
Die Stille
Reinhard Jirgl
Die Unvollendeten
Reinhard Jirgl
Genealogie des Tötens
Reinhard Jirgl
Hundsnächte
Reinhard Jirgl
Mutter Vater Roman

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