In jeder Mücke steckt ein Elefant

Buchempfehlung von Rosemarie Mailänder

»Auf die richtige Person im richtigen Maß und zur richtigen Zeit und wegen der richtigen Sache und in der richtigen Weise wütend zu sein – ist nicht leicht.« Aristoteles

Vielleicht kommt Ihnen das ja irgendwie bekannt vor: Sie erhalten auf eine freundlich formulierte Frage eine knappe, abweisende Antwort. Sofort ist Ihre Stimmung getrübt. Warum ist der andere so kurz angebunden? Was hat er plötzlich gegen Sie? Klar! Bestimmt … Schnell legen Sie sich eine Erklärung – die einzig mögliche – zurecht. Und ebenso schnell nimmt der eigentlich unbedeutende Vorfall in Ihrem Denken gewaltige Ausmaße an. Also bitte! Machen Sie doch aus einer Mücke keinen Elefanten!

Kein Mensch regt sich über Kleinigkeiten auf, und keine Aufregung kommt von ungefähr. Meist ist der aktuelle Stimmungseinbruch wie ein Echo aus der Vergangenheit. Erst wenn wir uns darüber klar werden, woran uns ein bestimmtes Ereignis erinnert und an welchem empfindlichen Punkt – entstanden aus kleineren oder größeren seelischen Verletzungen – wir getroffen wurden, können wir uns mit unserer Unzufriedenheit konstruktiv auseinandersetzen. Eine solche Spurensuche erfordert Geduld und Mut. Aber sie lohnt sich. Am Ende werden wir nämlich erfahren, ob wir eher die Erwartungen anderer erfüllen oder im Wesentlichen unsere eigenen, ob wir unsere Energie verschwenden oder für das einsetzen, was uns wirklich wichtig ist. Aber wissen wir überhaupt, was uns wirklich wichtig ist?

Für Ernstfried Hanisch stellt die Befriedigung unserer Grundbedürfnisse (stabile Bindung / Wertschätzung und Beachtung / Gleichbehandlung und Gerechtigkeit / Intimität, Erotik, Sexualität / Sicherheit / Neugier / Autonomie) das Fundament unseres Wohlbefindens dar. Anhand „klassischer“ Alltagssituationen weist er anschaulich nach, dass unerfüllte Bedürfnisse nicht nur eine immer wiederkehrende Anspannung erzeugen, sondern in neuralgischen Situationen auch sofort ein Selbstschutzprogramm aktivieren, das nur mit großem Aufwand, selten aber gewinnbringend durchgezogen werden kann. Wenn also aus den berühmten herumliegenden Socken ein handfestes Problem erwächst, gehören sie vermutlich weniger in den Wäschekorb als in die Beziehungskiste.

Zahlreiche Fragebögen helfen dabei, sich der eigenen Bedürfnisse bewusst zu werden und ihren jeweiligen Stellenwert zu erkennen. Die Fragen beziehen sich auf die Vergangenheit ebenso wie auf die Gegenwart, auf den Ist- ebenso wie auf den Wunschzustand, und die Antworten wiederum zeigen, dass es beileibe keine Mücke ist, die die Aufregung verursacht, sondern der zugrundeliegende Elefant. Ihn gilt es zu finden, denn nur ein sichtbar gewordener Elefant bietet die Möglichkeit zur Veränderung. Grund genug, ihn aus seinem Schattendasein zu befreien.

Selten habe ich zu einem Thema, das ich eigentlich zu kennen glaubte, auf so einleuchtende Weise so viel Neues erfahren. Selten habe ich einen vermeintlich eindeutigen Sachverhalt so facettenreich wahrgenommen. Die Botschaft, die in diesem Buch steckt, werde ich mir jedenfalls merken. Schließlich sind nicht nur Elefanten gelehrig und mit einem guten Gedächtnis ausstaffiert.   

Rosemarie Mailänder

Lektorat Sachbuch

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