Sandra Lüpkes: Götterfall

Eine Empfehlung von Ulrika Rinke, freie Lektorin

Wencke Tydmers vom LKA Hannover ist eine selbstbewusste, zupackende Ermittlerin – Typ Jeans und Turnschuhe. Dass sie ziemlich spontan ihre Chefin auf einer Dienstreise nach Island vertreten muss, wirft sie nicht aus der Bahn. Wencke ist eigentlich sogar ganz froh, für eine Weile weg zu sein. Die malerische Vulkaninsel und diese obskure Tagung zu altnordischen Mythen werden sie hoffentlich ablenken von einem nicht gerade unkomplizierten Privatleben. (Wer die Vorgängerbände um Wencke Tydmers kennt, wird wissen, von welchem Mann sie hier endlich Abstand gewinnen will.)

Lüpkes GötterfallDoch die Ablenkung beginnt schon vor der Abreise – mit einer Nachricht aus dem Totenreich. Der Brief mit Tagebuchaufzeichnungen ihrer verstorbenen Freundin Doro wirft ein völlig neues Licht auf einen längst abgeschlossen geglaubten Mordfall, der sich zu Beginn von Wenckes Ausbildung ereignete, in den frühen neunziger Jahren. Hat man damals den Falschen verurteilt? Hat Wencke die Hilferufe ihrer Freundin überhört? War Doros Tod kein Zufall?

Wencke versucht, den Fall noch einmal aufzurollen. Und findet dabei noch vor ihrer Abreise heraus, dass der verurteilte Mörder – vorzeitig entlassen – mit ihr im Flugzeug nach Island sitzen wird. Als sich an Bord auch der inzwischen senile Vater des Mordopfers einfindet, ein ehemals bedeutender Politiker, wird Wencke klar, dass irgendjemand diese Reise von langer Hand geplant haben muss. Doch bevor sie herausfindet, was sich in den Neunzigerjahren wirklich ereignet hat und was hinter diesem Zusammentreffen steckt, gerät sie selbst mehrfach in Lebensgefahr.

Ein Regionalkrimi auf Island und zugleich eine Reise in die Vergangenheit und ins Reich der Mythologie: Die Autorin Sandra Lüpkes lässt mit ›Götterfall‹ nicht nur ihre Ermittlerin Neuland betreten. Gekonnt spielt sie mit den verschiedenen Zeitebenen, den Elementen nordischer Sagen und den immer neuen, anonym versandten Doro-Briefen, die Wencke nach und nach erhält. Entstanden ist ein fesselnder Roman um die so zierliche wie robuste Ermittlerin Wencke Tydmers.

Wie stets bei Sandra Lüpkes sind noch die unscheinbarsten Nebencharaktere überzeugend gezeichnet und wie stets ist es ihr feines Gespür nicht nur für Spannung, sondern auch für Situationskomik und unerwartet anrührende Momente, das ihre Kriminalromane zu etwas Besonderem macht. Allein wie der demente Ex-Politiker vor großem Publikum zum Stichwort »Gesellschaft« improvisiert, ohne dass die Autorin dabei ihre Figur verrät, ist unnachahmlich traurig-komisch und absolut lesenswert, wie der ganze ›Götterfall‹.

PS Der Roman eignet sich übrigens hervorragend, um von hier aus Wencke Tydmers‘ frühere Fälle kennenzulernen – von der anscheinend hoffnungslosen Beziehung, die sie mit der Islandreise hinter sich lassen will, ganz zu schweigen.

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