Soll ich´s wirklich machen oder lass ich´s lieber sein?

Entscheidungshilfen im Alltag – Ein Selbsttest

Jochen Mai gibt in seinem neuen Buch ›Warum ich losging, um Milch zu kaufen, und mit einem Fahrrad nach Hause kam‹ einen hervorragenden Überblick über die verschiedenen menschlichen Wahrnehmungsfehler, die unser Urteilsvermögen beeinflussen – und gibt uns Ratschläge an die Hand, wie wir Entscheidungen besser treffen. In einem Selbstversuch hat unser Redakteur zwei dieser Entscheidungshilfen näher betrachtet und im Alltag angewendet.

Warum gehen wir manchmal los, um Milch zu holen, und kommen mit etwas vollkommen Anderem zurück? Warum handeln wir in so vielen Situationen nicht bedacht, sondern irrational? Die Architektur hinter unseren Entscheidungen erscheint furchtbar komplex und wenig einleuchtend zu sein. Man kann fast sagen, bei der Entscheidungsfindung sind wir nicht Herr im eigenen Haus.

Die Entscheidung vor der Entscheidung: Welche Methode nehme ich?

Es gibt Dutzende von Entscheidungshilfen, die uns vor dem Dickicht irrationaler Versuchungen bewahren und uns auf den Pfad der rationalen Entscheidung zurückführen sollen. Es gibt Entscheidungsbäume, Pro-Contra-Listen, Mindmaps usw. Jede Vorgehensweise hat ihre individuellen Vorteile, aber eben auch Haken und Stolpersteine, die zu Problemen führen können. Jochen Mai listet in seinem Buch anschaulich verschiedene Entscheidungshilfen auf und macht deutlich:

»Die allgemeine, perfekte, unumstößliche Entscheidungstechnik, die in jeder Situation funktioniert und dazu noch einfach umzusetzen ist – sie existiert nicht.«

 

Was wäre wenn? Die Best-Case-/Worst-Case-Analyse

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Zugegeben, ich bin etwas eitel, was meine (noch verbliebenen) Haare angeht. Als ich meine Nase allerdings heute Morgen aus dem Fenster hielt, kam mir bibbernd: »Eine Mütze wäre heute wohl nicht schlecht«. Ich stand also plötzlich vor der Wahl zweier Alternativen: warme Ohren versus gut sitzende Haare. Bei der Best-Case-/Worst-Case-Analyse erstellt  man – wie der Name schon verrät – gedanklich zwei Szenarien. Der Nutzen der Methode liegt dabei in der bewussten Auseinandersetzung mit den Vor- und Nachteilen jeder Alternative beziehungsweise dem Betrachten der möglichen Konsequenzen – und zwar explizit in beide Richtungen:

Ich kam zum Entschluss, dass der Worst-Case bei der Alternative ›Keine Mütze, dafür gut sitzende Haare‹ (krank & kalt) deutlich schlechter ist, als der Worst-Case bei der Alternative ›Mütze‹ (zerzauste Haare). Aber viel wichtiger bei diesem Gedanken: Ich habe mir Zeit gelassen, meine Situation evaluiert und (zumindest für mich logisch) eine Entscheidung getroffen. Vielleicht hätte mir aber auch einfach das geholfen:

Kopf oder Zahl? – Es ist egal! Der Münzwurf

Jochen Mai gibt uns in seinem Buch einen ebenso einfachen wie genialen Ratschlag, wie wir (Alltags-) Entscheidungen besser treffen können: der Münzwurf. Sicher, das klingt zunächst etwas banal und auf den ersten Blick sogar widersprüchlich: Ich will mich ja besser entscheiden können und die Wahl nicht einer dummen Münze überlassen. Stimmt alles. Es geht aber auch gar nicht darum, was das Metallorakel sagt. In den meisten Fällen haben wir, so Mai, nämlich längst eine Entscheidung getroffen. Leider ist uns diese Tatsache aber nicht bewusst, und genau deshalb ist der Münztrick so hilfreich.

Etwa neulich im Restaurant. Ich konnte mich einfach nicht zwischen zwei Gerichten entscheiden. Ich habe Pro und Contra gegeneinandergestellt und (die anderen Gäste schauten schon) sogar einen Entscheidungsbaum auf die Serviette gekritzelt. Es half aber alles nicht. Schließlich sollte eine Münze helfen. Als die Münze noch in der Luft wirbelte, wurde mir klar, dass ich mich schon längst für ein Gericht entschieden habe. Genau das ist die Entscheidung, die ich mir nur noch nicht eingestehen wollte.

Das eine solche Hilfe nicht vor allen Entscheidungsproblemen schützt, zeigt diese witzige Szene in der TV-Serie ›The Big Bang Theory‹:

Linus Schubert/ dtv

 

Alle Bücher von Jochen Mai im Überblick:
Jochen Mai
Warum ich losging, um Milch zu kaufen,...
Jochen Mai, Daniel Rettig
Ich denke, also spinn ich
Jochen Mai
Die Büro-Alltags-Bibel

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