Sorj Chalandon: Rückkehr nach Killybegs

Sorj Chalandon über seinen Roman »Rückkehr nach Killybegs«

In einer Dezembernacht des Jahres 2005 schrieb ich das Wort »Grauen« in mein Notizbuch. Das erste, das mir einfiel. Dann habe ich es so oft schwarz eingekreist, bis das Papier durch war. Ich hatte gerade erfahren, dass mein irischer Freund Denis 20 Jahre lang sein Land verraten hatte. Sein Land, seinen Kampf, seine Familie und alle, die er je umarmt hatte. Dieses Grauen war der Anfang. Daraus entstand »Mon traître«, erschienen 2008 bei Grasset.

Sorj ChalandonDas Buch ist ein Roman. Eine Maske. Ich habe meinen Verräter älter gemacht, seine Geschichte verändert. Sein Gesicht, seinen Blick ummodelliert. Ich selbst wurde zum Geigenbauer. Bloß nicht Journalist. Was hätte ein Journalist in einer Liebesgeschichte zu suchen? So habe ich, hinter dem Entsetzen des Franzosen Antoine verborgen, die Geschichte des Iren Tyrone erzählt.

Insgeheim versuchte ich auch zu verstehen, zu akzeptieren, weiter zu lieben. Doch mit dem Verrat war das Vertrauen gestorben, die Freundschaft, die Würde und so vieles, was vorher unverrückbar schien. Vier Monate später wurde Denis ermordet. Also habe ich auch Tyrone sterben lassen. Aber auch nach dem Erscheinen von »Mon traître« war das Grab noch offen. Ich hatte Tyrone erfunden, um Denis zu beklagen, und auf einmal verlangten beide Phantome Rechenschaft von mir: das eine, erschossen mit einem Jagdgewehr. Und das andere, kaum verhüllt von meinen Worten. Ich hatte meinen Verräter nicht verdammt und Antoine seinen nicht verurteilt. Ich hatte versucht, zu hören, zu sehen und zu verstehen. Aber sie konnten noch nicht in Frieden ruhen. Und ich war unzufrieden. Etwas fehlte noch an der Abschiedsfeier.

Geblendet vom Leiden Antoines, hatte ich Tyrone ganz vergessen. Seine Geschichte war es, die fehlte. Und er fehlte mir auch. Also beschloss ich, ihn noch einmal auferstehen zu lassen.

Rückkehr nach KillybegsUm »Rückkehr nach Killybegs«zu schreiben, schlüpfte ich für zwei Jahre in die Haut des Verräters. Er ist der Erzähler dieses Romans. Erzählt von seiner unglücklichen Kindheit, dem prügelnden Vater, den deutschen Bomben, den englischen Kugeln, von seiner Liebe zur Republik, der ersten Waffe, die er in der Hand hielt, von Erniedrigungen, Entbehrungen und extremer Gewalt, von seinen Tagen und Nächten im Knast. Erzählt von seinem Verrat. Wie die Falle der Briten um seinen Hals zuschnappte. Wie ihm das Geld des Feindes untergeschoben wurde. Erzählt von seiner Angst zu sterben und seiner Panik vor dem Leben. Von der Gemeinschaft, die ihn verstieß, den Freunden, die zu Feinden wurden, der Bruderschaft, der er in den Rücken fiel. Von Schlaflosigkeit, Appetitlosigkeit, einem Leben, das keinen Geschmack, keine Farbe mehr hatte, nichts mehr. Erzählt von seiner Frau, die ahnungslos neben ihm schlief. Von seinem Sohn, der so stolz auf ihn war. Von seinem Land, das grau wurde, seinem Himmel, der sich verdunkelte, dem Regen, dem er nicht mehr entkam. Von seiner verblassten Fahne, seiner verwundeten Republik. Einem plötzlich feindseligen Irland. Von der Angst, der Einsamkeit und der Verzweiflung des Verräters, der er war. Und ich begleite ihn bis ans Ende der Nacht. In »Mon traître« bat ich den Leser, den Schmerz des Verratenen zu teilen. In »Rückkehr nach Killybegs« lade ich ihn ein, das Grauen des Verrats zu teilen.

»Hast du ihm vergeben?«

Tausendmal habe ich diese Frage schon gehört. Vergeben darf ich nicht. Vergessen kann ich nicht. Aber ich fühle keine Bitterkeit mehr.

Sorj Chalandon über seinen Roman »Rückkehr nach Killybegs«

Alle Bücher von Sorj Chalandon:

Sorj Chalandon
Die Legende unserer Väter
Sorj Chalandon
Rückkehr nach Killybegs

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