Susanne Goga: Mord in Babelsberg

Eine Empfehlung von Ulrika Rinke, freie Lektorin

»1926 war ein gutes Jahr«, heißt es in Susanne Gogas Widmung, und es stimmt: Außenpolitisch und innenpolitisch kommt Deutschland zur Ruhe, die Inflation ist überwunden, die Hauptstadt erstrahlt in neuem Glanz. Es ist die Zeit des Stummfilms und seiner Stars, und jemand wie Viktor König, ein Regisseur kurz vor dem großen Durchbruch, kann sich mit allem umgeben, was zeitgemäß und teuer ist: Er wohnt in einer Mies-van-der-Rohe-Villa, sammelt Werke von Picasso, Klee und Macke.

Mord in BabelsbergNicht ganz so exklusiv, aber ebenfalls glanzvoll hat auch Marlen Dornow gelebt, eine Halbweltdame, die sich von gutsituierten Herren aushalten ließ – ihre Verbindungen reichten bis ins Kabinett von Außenminister Stresemann. Sie wird ermordet aufgefunden, die Kehle durchschnitten mit einer am Tatort zurückgelassenen roten Glasscherbe. Kurz darauf stirbt Viktor König auf gleiche Weise. Niemand weiß von einer Bekanntschaft der beiden Opfer, und doch muss eine Verbindung zwischen ihnen bestehen, davon ist Kommissar Leo Wechsler überzeugt.

Die Ermittlungen machen Leo mehr zu schaffen als gewöhnlich, denn er hat Marlen Dornow vor Jahren gekannt, was er sowohl vor seinen Kollegen als auch vor seiner Frau zu verbergen versucht.  Doch gerade aus diesem Grund will er den Fall unter keinen Umständen abgeben. Er selbst möchte den Mörder finden, denn sie standen sich einmal sehr nahe,  auch wenn Marlen nicht in Leos Welt passte, ebenso wenig wie das Wort »Glanz«: Er, seine Kollegen und seine Familie sind von beruhigender Bodenständigkeit, sie essen Stullen, Schrippen, Kartoffelpuffer und Bouletten. Sie werden zwar nicht von Existenzängsten geplagt, müssen sich aber reiflich überlegen, ob sie sich vielleicht ein neumodisches Rundfunkgerät anschaffen.

Der spannend konstruierte Kriminalfall führt aber nicht nur in Villen, auf Filmpremieren und in kleinbürgerliche Küchen, sondern auch in die beengten, ärmlichen Wohnungen der wirklich einfachen Leute, in Frisiersalons, eine psychiatrische Klinik, in die Babelsberger Studios und in Reichstagsbüros. Und in Kleinkunstkneipen, wo Alleinunterhalter und Chansonsängerinnen vor einem gnadenlosen Publikum auftreten; auch Kommissare müssen sich nach Dienstschluss ja mal amüsieren.

Neben dem sympathischen Ermittler und seinen nicht minder sympathischen Kollegen sind es dieser kaleidoskopartige Blick auf die Großstadt, das Nebeneinander und die Verknüpfung unterschiedlichster gesellschaftlicher Sphären, die den Reiz von Susanne Gogas hervorragend recherchierten Leo-Wechsler-Krimis ausmachen: Am Ende hat man den Eindruck, ganz Berlin zu kennen. In diesem Fall zumindest das von 1926 – ein gutes Jahr.

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