Thomas Geiger: Luftsprünge

Eine Empfehlung von Günther Opitz, dtv Lektorat Literatur

Thomas Geiger: Luftsprünge
Europa ist in aller Munde – weil  an allen Ecken und Enden der Euro  fehlt, der eine dem anderen etwas neidet, der nächste nicht das tun will, was die Nachbarn oder die Beamten in Brüssel sagen. Spricht man so über Europa, meint man die europäische Union, die Währungs- und Wirtschaftsgemeinschaft.  Doch ist Europa mehr als ein Handelsraum:  Europa ist ein großer, alter, schöner Kontinent, reich an Traditionen, Regionen, Ideen – und einer überaus lebendigen Literatur, wie die Anthologie ›Luftsprünge. Literarische Entdeckungsreise durch Europa‹ von Thomas Geiger beweist.

Als Thomas Geiger mir vorschlug, ein europäisches Lesebuch herauszugeben, stutzte ich zunächst, dachte ich doch, das gibt es schon. Aber nein, auf dieses Wagnis hatte sich in den letzten Jahren niemand eingelassen. Warum eigentlich nicht? Ist Europa zu groß, sind die Länder und  Regionen zu vielfältig, die Sprachen und Stimmen zu unterschiedlich, um zwischen zwei Buchdeckel zu passen? Und was verbindet, so fragte ich mich, eigentlich einen Erzähler aus Litauen mit einem Autor aus Portugal, was ein katalanisches Gedicht mit einer Bildgeschichte aus Tschechien?

Während ich Thomas Geigers Exposé zu ›Luftsprünge. Literarische Entdeckungsreise durch Europa‹ las, wurde mir klar, dass das vielbereiste, vieldiskutierte und vielfach umkämpfte Europa auch eine terra incognita ist, ein unbekanntes Land.  »Die europäische Gegenwartsliteratur« so schrieb Thomas Geiger »ist überreich und oft ist es trotzdem schwer für Autoren, gerade auch aus kleinen Sprachgebieten, in anderen Ländern wahrgenommen zu werden. Wie viele deutsche Leser kennen, nach dem  Tod von Václav Havel, tschechische oder slowakische Autoren. Wer liest Schriftsteller aus Bulgarien oder Rumänien, und welcher griechische Autor ist hier bekannt, wenn wir Petros Markaris ausnehmen. Aber selbst aus der französischen Literatur wird es für viele schwer, neben Michel Houellebecq andere Autoren zu benennen. Und von der Lyrik soll hier ganz geschwiegen werden. Ein Europäisches Lesebuch könnte zumindest den Anfang machen, auch literarisch über die Grenzen  zu schauen, sich Anregungen zu holen und vielleicht sogar Lust machen, die Koffer zu packen und etwas entlegenere Ecken des alten Europas aufzusuchen.«

Natürlich kann ein Buch, das war sofort klar, keinen Überblick geben, über die Literatur von mehr als dreißig Ländern und Sprachen, aber eine Einladung kann es sein, in dieses unbekannte Land vorzudringen, zu Nachbarn, die wir nicht kennen. Koffer packen, losmarschieren, schauen, hieß  die Devise – genau das, was Thomas Geiger schon seit Jahren macht. Als Mitarbeiter des Literarischen Colloquiums Berlin ist er in Europa unterwegs, als Botschafter deutscher Literatur ins Ausland, als Vermittler der Literatur aus Europa nach Deutschland.

Er hat für ›Luftsprünge. Literarische Entdeckungsreise durch Europa‹ über dreißig Autoren ausgewählt, die jeweils ein Land, eine Region, eine Sprache repräsentieren. Er hat Erzählungen, Romanausschnitte, Gedichte, Bildgeschichten versammelt und einen Querschnitt durch die literarische Gegenwart eines Kontinents gelegt, den man damit natürlich nicht ganz vermessen kann – aber auf ganz überraschende Weise überhaupt erst kennenlernt.

Schauen Sie doch selbst mal – Sie können sich mit den Gedichten Erik Lindners aus den Niederlanden auf nach Akedia machen, erlernen mit Tomas Espedal aus Norwegen das  ›Gehen oder die Kunst, ein wildes poetisches Leben zu führen‹ oder öffnen mit Zsófia Bán eine ›Kiste mit Fotografien‹ in Ungarn. Vielleicht kennen Sie schon John Burnside, auf Deutsch lesen Sie aber hier zum ersten Mal, wie er mit neun Jahren versuchte, fliegen zu lernen.  Auch deutsche Gefilde können Sie neu besichtigen: Nico Bleutge erkundet ›Verdecktes Gelände‹ – und wenn Sie wollen, können Sie auch Kurt Cobain in der kroatischen Provinz wiederfinden.

Es gibt viel zu entdecken, in diesem alten, so unvertraut vertrauen, vielstimmigen Europa, in diesem Buch mit großen Erzählern und Lyrikern, dessen blaue Schrift so schön leuchtet.

Thomas Geiger
Luftsprünge

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