Tore Renberg: Und zum Frühstück heller Sirup

Buchempfehlung von Hannelore Hartmann, dtv-Lektorin

Jarle Klepp ist fünfundzwanzig Jahre alt und Student der Literatur in Bergen. Mit großem akademischem Eifer befasst er sich mit der Proust’schen Onomastik und gehört dem elitären Zirkel um den illustren Professor Robert Göteborg an. Gelegentlichen Sauftouren mit seinen Kumpels Arild und Hasse ist er nicht abgeneigt, und mit der umwerfend schönen Herdis versucht er sich an einer rein sexuellen Beziehung.

Diesen mit sich und seiner intellektuellen Umgebung vollauf zufriedenen Jarle ereilt aus heiterem Himmel die Nachricht, dass er Vater einer fast siebenjährigen Tochter ist. Was, bitte, soll er mit einer Tochter? Und was soll Charlotte Isabel Hansen mit ihm als Vater? Und wer war gleich noch mal Annette Hansen? Doch damit nicht genug: Das Kind soll eine geschlagene Woche bei seinem Vater verbringen, ja, es ist bereits auf dem Weg zu ihm.

Jarle gibt sich Mühe. Er will seiner Tochter – trotz allem – ein guter Vater sein, und mit ein paar kleineren und größeren Ausrutschern gelingt ihm das sogar. Jedenfalls stellt dieses ganz und gar entzückende Wesen seine bis dato überschaubare Welt gehörig auf den Kopf – so sehr, dass sich in Jarle Zweifel an derselben zu regen beginnen. Könnte es sein, dass er erwachsen wird?

»Vater über Nacht« – ein bekanntes Thema, an das der norwegische Bessellerautor Tore Renberg mit großer Wärme und erfrischendem Humor herangeht. Seine Sprache ist bewusst einfach, und doch erreicht er damit eine gewaltige Ausdruckskraft und beeindruckende Tiefe. Originelle, liebenswerte Charaktere bevölkern seinen Roman, vom selbstherrlichen Professor Göteborg über den redseligen Hasse und den wortkargen, aber genialen Arild bis hin zu Jarles schildkrötengesichtiger Nachbarin Grete und seiner patenten, verständigen Mutter Sara. Charlotte Isabel ist eine wahre Herzensbrecherin, die ihren Papa mit schmaler, zarter Hand aus dem Elfenbeinturm ins richtige Leben führt:

»Die Kleine hüpfte auf dem Sofa auf und ab. Sie kicherte und zeigte die Lücke zwischen ihren Schneidezähnen, die Pailletten auf ihrem Pulli funkelten, die blonden Haare wirbelten um ihren Kopf, und dann, ohne Vorwarnung, fing sie an zu tanzen, schwenkte ihre schmalen Hüften vor Freude und sang: ›I’m a Barbie girl in a Barbie world, come on, Barbie, let’s go party!‹ Dann lächelte sie, hüpfte noch höher und schneller und sagte: ›Ach, hüpf doch mit, Papa, bitte!‹

Jarle riss die Augen auf.
I’m a Barbie girl?
In a Barbie world?
Das waren zu viele Eindrücke auf einmal.«

Der heiter-tiefsinnige Unterhaltungsroman ›Und zum Frühstück heller Sirup‹ von Tore Renberg sei allen Vätern und Müttern, Omas und Opas, Onkeln und Tanten dringend ans Herz gelegt.

Hannelore Hartmann, dtv-Lektorin

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