Und plötzlich waren wir Verbrecher

Buchempfehlung von Helga Jesberger

Welche Bedeutung gewinnt die Freiheit, wenn sie nicht vorhanden ist? Wie fühlt es sich an, Gefangener im eigenen Land zu sein? Gedanken, Wünsche und Pläne nicht so ohne weiteres mit anderen teilen zu können, weil man immer auf der Hut sein muss, um nicht an die falsche Person zu geraten? Die persönliche Lebensplanung eingeschränkt zu sehen von den willkürlichen Entscheidungen der Staatsorgane?

In ihrem Buch beschreiben die Geschwister Dorothea und Michael Proksch zunächst ihre Lebensumstände in der DDR der 70er- und 80er-Jahre. Auf den ersten Blick auf einem guten Weg, sich in der DDR-Gesellschaft zu etablieren, spürten doch beide die Defizite dieser Gesellschaft deutlich. Nicht bereit, die Beschränkungen des Staates weiter hinzunehmen, planen sie, zusammen mit einem Freund und dem Ehemann Dorotheas, die Flucht aus der DDR. Republikflucht – für die Bürger der DDR das größte anzunehmende Risiko, für die Staatssicherheit das größte anzunehmende Verbrechen. Man zittert als Leser mit, liest mit angehaltenem Atem, wenn die beiden beschreiben, wie sie zunächst zaghaft, dann immer konkreter die Flucht planen, wie sie sich bei einer als Urlaubsreise getarnten Fahrt an die bulgarisch/jugoslawische Grenze begeben und trotz aller Vorsicht dort von der bulgarischen Polizei erwartet und der Stasi ausgeliefert werden. Von nun an sind sie unausweichlich Schikanen und Verhören unterworfen, werden letztendlich zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt. 1984 werden sie von der Bundesrepublik freigekauft und in den Westen »abgeschoben«.

Beide Geschwister und die Mutter haben unabhängig voneinander und jeder aus seiner Sicht über die Ereignisse erzählt. Auch darüber, wie sie mit dem Status als Kriminelle zurechtgekommen sind, wie die Ereignisse sich auf ihr weiteres Leben ausgewirkt haben.

Es fällt auch heute noch, mehr als 20 Jahre nach dem Fall der Mauer und nach vielfältigen Berichten und Dokumentationen über den DDR-Alltag, schwer, sich in dieses Gefüge hineinzudenken. Das Buch hilft entschieden dabei, der Wahrheit ein Stück näher zu kommen.

Helga Jesberger, dtv

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