Under Control

Buchempfehlung von Thomas Zirnbauer

Was haben Frischverliebte und Süchtige gemeinsam? Eigentlich geht es ihnen nur um das Eine.
Um es zu kriegen, entwickeln sie eine erstaunliche Kreativität – im Schmeicheln, aber auch im Sich-selbst-und-andere-belügen. Wenn der Trieb einmal das Kommando übernommen hat, versagt die Selbstkontrolle im Allgemeinen.

Das muss auch Nigel erfahren. Als Sozialarbeiter betreut er eine Gruppe von Junkies, Ex-Junkies und Ex-Ex-Junkies. Sie alle haben die Kontrolle verloren – über ihre Sucht, über ihr Leben, über sich. Nigel will ihnen helfen, Würde und Kontrolle zurückzuerlangen. Nigel ist nett. Gary nicht – ein schizophrener, gewaltbereiter, drogensüchtiger Dealer und Zuhälter. Nigel hilft Gary. Und Nigel verliebt sich in Garys Freundin, die schöne, ebefalls drogenabhängige Prostituierte Charlie. Er erreicht sein Ziel… Doch nun hat er zwei Probleme:  1. Gary sollte möglichst nichts erfahren. 2. Und Nigels Frau Sarah auch nicht.

Bereits in seinem preisgekrönten Debüt ‚Frisch’ bewies Mark McNay seine Fähigkeit, einer Story einen eigenen Sound zu verleihen. Dort war es das schottische Arbeitermilieu (und wer Mark McNay einmal live gehört hat, weiß, woher er diesen Ton hat), hier sind es Sprache und Leben von Halbwelt einerseits und Angestelltenmilieu andererseits. McNays neues Buch ist sprachlich noch differenzierter. Und Chris Hirte hat es wieder kongenial ins Deutsche übertragen.

Mark McNay ist ein genauer Beobachter – von Sprache und von Menschen. Fasziniert hat mich, wie es ihm gelingt, mich als Leser dazu zu bringen, meine Antipathien und Sympathien im Verlauf der Lektüre neu zu verteilen. So offenbart Gary eine fast romantische Seite, während Nigel sich schlichtweg erbärmlich verhält. Dass McNay seine Figuren gegenläufig weiterentwickelt, ohne sie einfach zu demontieren und ohne die Balance des Romans zu zerstören, ist Beleg seines erzählerischen Könnens.

McNay spiegelt die Protagonisten in ihren unterschiedlichen Formen von Abhängigkeit ineinander. Man kann als Leser das Ganze distanziert beobachten oder auch empathisch, man kann die Lektüre aber auch als Warnung verstehen. Das ist das Beunruhigende daran.

Thomas Zirnbauer, Presseabteilung

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