„Undermensch“

Buchempfehlung von Folkert Roggenkamp

Anatol Chari – der Name klingt nach einem lustigen ungarischen Zigeunerburschen, einem Zirkusclown, einem heiteren Gesell‘ aus dem Volkslied. Doch Anatol Chari ist ein kalifornischer Zahnarzt, 86 Jahre alt, gutsituiert – und er hat Auschwitz überlebt. Und Bergen-Belsen, Groß-Rosen, Kaltwasser und andere Arbeits- und Konzentrationslager der Nazis. „Schon wieder so ein Holocaustbericht“, mag man denken, „die immergleichen, ermüdenden Geschichten von Leid, Folter und Tod“. Aber Charis Bericht ist anders: In „Undermensch“ geht es darum, wie man ein KZ überhaupt überleben konnte: mit mehr Glück als Verstand, mit Witz und Gewitztheit, Chuzpe und Scharfsinn – und mit Privilegien, die andere Gefangene nicht hatten.

„Ich ärgere mich sehr darüber, wenn ich höre, wie Überlebende behaupten, sie hätten ohne jegliche Privilegien überlebt oder seien frei von Egoismus gewesen“, schreibt Chari: „Das ist einfach nicht wahr“. „Undermensch“ ist eine sehr persönliche, sehr detaillierte und sehr direkte Berichterstattung aus der Hölle der KZs, und stets behält der Autor den distanzierten, selbstbeobachtenden und zugleich direkten Ton bei, der dieses Buch so lesenwert macht. Zusammen mit Timothy Braatz, einem jungen amerikanischen Historiker, hat Chari seine Erinnerungen verfasst, und dessen Vorwort und Kommentierung erhellen die Umstände der Aufzeichnung und werfen zugleich ein Licht auf die zutiefst fragwürdige Behandlung der Holocaust-Überlebenden bis in die jüngste Vergangenheit.

Das letzte Wort aber behält Anatol Chari, der Überlebenskünstler: als er in den 90er Jahren als Tourist nach Dresden kommt, wird ihm erst auf dem Ausflugsdampfer mitten auf der Elbe bewusst, dass er hier schon einmal gewesen ist – zwischen hundert anderen KZ-Insassen, eingepfercht in einem offenen Viehwaggon, im tiefen Winter, bei eisigem Wind. „Damals wäre es mir nie und nimmer in den Sinn gekommen, dass ich eines Tages hierher zurückkehren würde – im Zug erster Klasse mit einer deutschen Dame im Arm. Vielleicht ist das ja meine Art der Vergeltung – oder Genugtuung.“

„Undermensch“ bietet eine bislang nicht gehörte oder gelesene Auseinandersetzung mit dem KZ-System der Nazis, an keiner Stelle frei von Emotionen, Wut, Trauer, Zorn – und zeigt dennoch – oder vielleicht gerade deswegen – eine gelegentlich geradezu anstößig ehrliche, faire und auch selbstkritische Perspektive auf. Beeindruckend!

Folkert Roggenkamp
Key Account Manager

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