Urlaubsbücher aus der Redaktion

Buchempfehlung

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Urlaubszeit ist Lesezeit! Zwei wunderbare Romane begleiteten unseren Redakteur auf seiner Rundreise durch Nordamerika. Ein Leseeindruck aus den Tiefen der USA.

Der erste Roman, den ich in meinem Urlaub in Nordamerika verschlungen habe, war ›Butcher´s Crossing‹ von John Williams:
»Ich bin meinetwegen hier.« Zivilisationsmüde und vom Hunger nach Abenteuer berauscht kehrt der junge Studienabbrecher Will Andrews der wohlbehüteten Großstadt Boston den Rücken, um im tiefsten Mittleren Westen erste existenzielle Erfahrungen zu machen. Und ja, Andrews findet im Städtchen Butcher´s Crossing (was eine wunderbare Anspielung) die ersehnten Wildwest-Klischees. Ein staubiges Kaff aus Holzhütten, in dem die Männer rau und schweigsam sind und die Prostituierten ein Herz aus Gold haben. Und doch strecken sich die gierigen Klauen kapitalistischer Mächte auch schon nach dem entlegenen Butcher´s Crossing. So erwartet man mit der Eisenbahn Zivilisation, mit der Zivilisation neue Märkte, mit neuen Märkten größeren Wohlstand.

Will Andrews schließt sich einem Trupp von Büffeljägern an, die in der tiefsten Wildnis eine fast schon mystisch anmutende Herde der großen Tiere vermuten. Getrieben vom genauso unermüdlichen wie unergründlichen Miller zieht die Gruppe von Männern mitten ins Nichts.

20160726_174434Natur & Weite

Spätestens mit dem Aufbruch in die unendlichen Weiten der Prärie beginnt die literarische Wucht des Romans. Die Sehnsucht nach Weite wird in einer so präzisen und zugleich nüchternen Sprache entfaltet, dass man beim Lesen automatisch ab und an vom Buch aufschaut und aus dem Fenster blickt. Williams schont den Leser dabei keinesfalls und schweift nicht in eine für das Western-Genre übliche Naturromantik ab. Die pure, naturalistische Darstellung von Schmutz, Schweiß und Urin wird ebenso wenig ausgelassen wie das blutige Schlachten und Häuten der Tiere. Die Umwelt, geradezu utilitaristisch reduziert, verliert in ihrer klaren Darstellung aber nichts von ihrer paradiesischen Schönheit.

Auffällig ist, dass Frauen im Roman – wenn überhaupt – nur eine Nebenrolle spielen. Butcher´s Crossing ist eher eine erbarmungslose Darstellung von Männlichkeit, die auf das Geringste reduziert wird: Durst, Hitze, Kälte, Erschöpfung, Isolierung. Was es zu erobern gilt, ist die Natur – nicht die Frauen.

Parallele

›Butcher´s Crossing‹ unterscheidet sich in wesentlichen Punkten von John Williams‘ Sensationsroman ›Stoner‹. Während in Stoner ein Mann der Natur und Weite entflieht und sich der (zumindest räumlichen) Enge der Universität verschreibt, geht Will Andrews in ›Butcher´s Crossing‹ den genau gegenläufigen Weg. Beide Romane weisen aber eine große Parallele auf: die Sinnlosigkeit der Handlungen der Protagonisten. Nach Tausenden getöteten Tieren, Hitze, Kälte, Durst und Hunger erwartet den Büffeljäger zurück in Butcher´s Crossing die eigentliche Herausforderung: das Rad der Zeit.

 

IMG-20160804-WA0010Der zweite Roman, der mich auf meiner Reise begleitete, war Celeste Ngs ›Was ich euch nicht erzählte‹. Ein Roman, packend wie ein Thriller, der die zerstörerische Kraft des Ungesagten auf bedrückende Weise darstellt. Irgendwo in Ohio, 1977. Lydia Lee ist tot. Die Polizei findet die sechzehnjährige Tochter eines chinesischen Einwanderers und einer amerikanischen Prototyp-Frau ertrunken im naheliegenden See. Nun – und das ist die große Stärke dieses Romans – begibt man sich beim Lesen nicht nur auf die Spurensuche nach einem Mörder. Vielmehr stellt sich sofort – und danach immer wieder – die Frage, wie es nur so weit kommen konnte. Nach und nach seziert die Autorin die Verheerungen innerhalb der Familie Lee. Da ist Marilyn Lee, die alles daran gesetzt hat, aus ihrer Tochter die Frau zu machen, die sie selbst gern gewesen wäre. Vater James Lee, Sohn chinesischer Eltern aus bescheidensten Verhältnissen, wollte seine asiatischen Wurzeln verstecken und drängte seine Tochter in die Rolle einer überangepassten Vorzeige-Amerikanerin.

Wahn

Die Eltern merken in ihrem Wahn gar nicht, wie sie ihrer Tochter ein selbstbestimmtes Leben entziehen. Das Korsett aus überzogenen Rollenbildern, zu hohe Erwartungen und Alltagsrassismus zieht sich immer fester um Lydia. Das Schweigen und Unterdrücken der Familie Lee bringt Lydia an den Abgrund. Und vielleicht noch etwas weiter …

Linus Schubert, dtv

Die beiden Romane im Überblick

John Williams
Butcher's Crossing
Celeste Ng
Was ich euch nicht erzählte

 

Ein Kommentar zu “Urlaubsbücher aus der Redaktion

  • 11. Oktober 2016 um 20:49
    Permalink

    Sehr geehrte Damen und Herren,
    die Urlaubsbücher aus der Redaktion gafallen mir sehr.
    Besonders das Buch von Celeste Ng.

    Liebe Grüße von Benedikt aus Essen

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