Wajdi Mouawad: Anima

Eine Empfehlung von Sonja Finck, literarische Übersetzerin

26021›Anima‹ von Wajdi Mouawad gleicht keinem anderen Buch, das ich bisher gelesen oder übersetzt habe. Dieser aufwühlende, zärtliche, erschütternde, kluge, poetische Roman hat mich so tief beeindruckt, dass ich das Buch in einer einzigen Nacht durchgelesen habe.

Der Einstieg ist schonungslos: Gleich auf der ersten Seite findet ein Mann die grausam zugerichtete Leiche seiner Frau. Weil er dem Mörder ins Gesicht sehen will, begibt er sich auf eine Suche, die ihn quer durch Nordamerika führt – von Montreal bis nach New Mexico. Er begegnet allen möglichen Menschen, freundet sich mit einigen von ihnen an und wird mehr und mehr von seiner eigenen traumatisierenden Vergangenheit eingeholt, die mit der unfassbaren Brutalität des libanesischen Bürgerkriegs zusammenhängt.

Doch nicht etwa er selbst erzählt von seiner Reise, sondern die Tiere, die ihn begleiten oder zufällig seinen Weg kreuzen: Katze, Hund, Spatz, Goldfisch, Stinktier, Ameise, Fliege, Schwein, Pferd, Schmetterling, Waschbär und viele andere erheben ihre Stimme zu einem gewaltigen Chor, um aus ihrer ganz eigenen Perspektive von der Seltsamkeit des Homo sapiens, seinen Abgründen, aber auch seiner Fähigkeit zur Anteilnahme zu berichten.

Bei allem literarischen Anspruch hat mich fasziniert, wie zugänglich und packend geschrieben dieser Roman ist – er ist zugleich ein fesselnder Krimi, ein literarisches Meisterwerk, eine philosophische Abhandlung über das Verhältnis von Mensch und Tier und eine moderne Road Novel. Die ganze Tiefe dieses außergewöhnlichen Buchs erschließt sich eigentlich erst nach der Lektüre – am Ende wollte ich es gleich noch einmal lesen.

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