Chris Cleave, Teil II

Und als ich bei der Recherche für den Roman Flüchtlinge interviewt habe, habe ich herausgefunden, dass einige von ihnen Humor ebenfalls auf diese Weise einsetzen. Es sind Menschen, die sehr schmerzhafte Geschichten zu erzählen haben. Um zu überleben, haben sie gelernt, Leute in wichtigen Positionen dazu zu bringen, ihnen zuzuhören und Glauben zu schenken. Und sie haben gelernt, dass solche Leute eher bereit sind, ihren Geschichten zuzuhören, wenn sie diese auf unterhaltsame Weise erzählen, indem sie die Freude in ihrem Leben ebenso zeigen wie die Tragödie. Sie sind Meister darin, ihre Geschichten zu erzählen, denn wenn sie die Balance nicht richtig hinbekommen, sterben sie. Darin liegt die Motivation, genau darin. Was das Geschichtenerzählen anbelangt, spielen sie in der obersten Liga. Im Vergleich dazu sind Schriftsteller Amateure.

5) Warum erzählen Sie die Geschichte aus zwei verschiedenen Perspektiven? Der des nigerianischen Mädchens Little Bee und der der englischen Mutter und Karrierefrau Sarah? Welche Schwierigkeiten ergaben sich für Sie daraus, aus weiblicher Perspektive zu schreiben?

Fast zwei Jahre, nachdem ich das Projekt begonnen hatte, wurde mir klar, dass die stärkste Perspektive eine zweifache wäre. Dies ist eine Geschichte zweier Welten: der entwickelten und derer, die gerade dabei ist, sich zu entwickeln, und das gegenseitige Nichtverstehen verurteilt sie manchmal zu konträren Positionen. Indem ich jeder Seite eine Frauenfigur zugeordnet habe, die beide teils notgedrungen versuchen, die andere zu verstehen, konnte ich die Geschichte sich selbst im Geist des Lesers entfalten lassen. Das war ein Riesendurchbruch für mich. Man sollte die Bedeutung des Lesers in diesem Roman nicht unterschätzen. Ich wollte eine Geschichte schreiben, die niemals vollkommen eindeutig dargelegt wird, sondern die sich vielmehr auf die Interpretation des Erzählten und der Dialoge durch den Leser verlässt. Wenn man erst einmal dem Leser die Gesichte anvertraut, macht das Schreiben großen Spaß.

Es ist aber selbstverständlich nicht ohne technische Herausforderungen. Es braucht hohe Konzentration, um als Mann aus einer weiblichen Sicht zu schreiben, aber ich sehe das als Vorteil. Wenn ich bewusst aus der Perspektive von jemandem schreibe, der sich so sehr von mir selbst unterscheidet, dann laufe ich nicht so schnell Gefahr, den Charakter durch meine eigene Stimme zum Leben zu erwecken. Es zwingt mich, genau zuzuhören, nachzudenken und präziser zu schreiben. Zwei Erzählerstimmen zu benutzen ist aber sehr schwierig. Ihr Vokabular, die Grammatik und die Ausdrucksweise zu differenzieren ist eher unkompliziert, wenn man sich die Mühe macht, in die Charaktere hineinzuschlüpfen und sie zu verstehen — das Schwierige ist, mit den Überschneidungen und den Lücken in dem Wissen der Figuren umzugehen. Wenn beide Erzähler ein Ereignis miterlebt haben, welchen wählst du, um es zu erzählen? Oder lässt du es beide erzählen und spielst mit der unterschiedlichen Perspektive auf das, was sie gesehen haben? Hinzu kommt, dass die Geschichte nicht linear erzählt wird – die erste Hälfte des Buches blickt zurück in die Vergangenheit, während die zweite sich in die Zukunft bewegt. Der Trick ist letztlich, so zu schreiben, dass es gut zu lesen ist. Es ist erschreckend, wie viele Entwürfe man verwirft, bevor man etwas erreicht, das sich einfach gut lesen lässt.

6) Warum schreiben Sie überhaupt?

Ich tue es, weil ich nicht viel von der Welt weiß und mehr kennenlernen will. Es macht mir Spaß, mich selbst durch meine Recherchen zu bilden, und der Prozess des Schreibens danach macht erst recht Spaß. Romane sind unglaublich komplexe Maschinen, und wenn man an einer Stelle ein kleines Teil verändert, kann es an einer anderen das ganze Gleichgewicht durcheinanderbringen. So verbringt man die eine Hälfte seiner Zeit mit Pinzette und Lupe und die andere Hälfte mit Schutzbrille und Vorschlaghammer. Und irgendwann, gewöhnlich gegen drei Uhr am Morgen, springt das Ganze in den richtigen Gang und läuft. Das ist das erhebendste Gefühl überhaupt. Ich habe das ungefähr einmal alle drei Jahre.

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