Denis Thériault – Teil II

Meine Träume sind definitiv eine wichtige Quelle der Inspiration für mich. Das konkreteste Beispiel dafür ist ›Das Lächeln des Leguans‹. Die Idee zu diesem Buch kam mir in einem Traum, den ich vor langer Zeit hatte – im Jahr 1987. Ich erinnere mich an das Jahr wegen meines Traumtagebuchs, das ich zu dieser Zeit führte. Es war ein bizarrer, beunruhigender Traum: Ich ertrank im Meer. Langsam und friedlich sank ich in die Tiefen des Ozeans hinab, während Myriaden winziger Fische von mir kosteten, sie labten sich an meinem Fleisch wie kleine, liebenswerte Piranhas. Jeder, der das Buch gelesen hat, wird die Umsetzung dieses Traums in einem der zentralen Kapitel des Romans erkennen. 1987 notierte ich diesen Traum in meinem Tagebuch und vergaß ihn dann für lange Zeit. Ende der neunziger Jahre, als ich plante, einen Roman zu schreiben, der an der Nordküste des St. Lawrence spielen sollte, las ich einige Passagen aus meinem alten Traumtagebuch und blieb daran hängen. Es schien mir etwas Wesentliches zu sein. Ich wusste mit Sicherheit, dass ich diesen Traum brauchte, dass er das Herz meiner Geschichte werden würde. So ist Luc Bezeau entstanden: In diesem Traum wird sein Schicksal beschrieben. Dieser Traum bildet eigentlich das Grundmuster des Romans. Das ganze Buch ist durchzogen von einer traumartigen Atmosphäre, und eine seiner wichtigsten Fragen ist es, ob Träume gefährlich sein können. Gibt es Träume, die für uns oder andere gefährliche Folgen haben können? Worin besteht die wirkliche Macht von Träumen? Ich persönlich glaube, dass diese Macht immens sein kann. Die Geschichte der Menschheit beweist, dass gewisse Träume desaströse Folgen haben, wenn jemand versucht, sie in die Wirklichkeit zu übertragen. Man braucht nur an manche Kriege zu denken, die im Namen von Träumen und extremer Ideale begonnen wurden und schreckliche Folgen hatten. Andererseits haben manche Träume einige der brillantesten wissenschaftlichen Entdeckungen und großartige künstlerische Werke befördert. Träume sind ein Spiegel des Unbewussten der menschlichen Psyche. Ein Traum ist, was der Träumer ist und was er daraus macht. Beeinflussen Träume uns? Sind sie mächtig? Ja, mit Sicherheit. Können sie gefährlich sein? Natürlich. Aber sie können auch schön und nützlich sein. Ich halte Träumen für etwas Großartiges. Ich träume gern und erschaffe sogar Albträume. Es gibt eine alte Weisheit: Gib acht, wovon du träumst, es könnte Wirklichkeit werden. Ich glaube, dass das wahr ist, im Guten wie im Schlechten.

Ein weiteres Thema in Ihren Büchern ist der Tod, der selbst gewählte ebenso wie der unfreiwillige. Dabei ist der Tod nicht notwendigerweise das Ende, sondern kann auch ein Anfang sein.

Tod und Selbstmord sind Themen, die mein Schaffen durchziehen. Ich hatte einen etwas jüngeren Bruder, der Selbstmord beging, als er 20 Jahre alt war, und es ist diese Art von grausamer Erfahrung, deren Folgen einen den Rest des Lebens begleiten. Ist der Tod das Ende oder markiert er den Beginn von etwas Neuem? Sterben wir, und dann war’s das? Oder begeben wir uns auf eine andere Stufe des Seins? Schaltet sich der Fernseher einfach aus: Sendeschluss? Oder überlebt der Geist und wird in anderer Form wiedergeboren? Diese Frage haben die weisesten und klügsten Köpfe seit Jahrtausenden vergeblich zu beantworten versucht. Der Tod bleibt das letzte Mysterium, das der Wissenschaft und der Philosophie die Stirn bietet; er ist die höchste einleitende Passage. Nichts ist demokratischer: Nur vor dem Tod sind wir alle gleich. Der einzige Weg, wirklich zu erkennen, was der Tod ist, besteht darin, ihn selbst zu erfahren. Es ist die letzte spirituelle Erfahrung. Ich gebe zu, dass ich neugierig bin … aber doch wiederum nicht allzu ungeduldig.
Der Tod nimmt in meinen Romanen eine sehr konkrete Gestalt an – die einer wiederkehrenden Figur, die das erste Mal in ›Das Lächeln des Leguans‹ auftaucht, dann in ›Siebzehn Silben Ewigkeit‹ leise zurückkehrt und in meinem neuen Roman ›The girl that wasn’t‹ erneut auftauchen wird. In all meinen Romanen erscheint dieses seltsame Wesen auf die eine oder andere Weise, wenn der Tod einer Figur bevorsteht. Ich überlasse es dem aufmerksamen Leser, zu erraten, wer oder was es ist. 

Sie haben eine sehr poetische, bildreiche Sprache – wovon lassen Sie sich inspirieren?

Von der Natur. Der ganzen Palette menschlicher Gefühle. Komischen oder dramatischen Situationen. Aber besonders vom unbewussten Teil der Psyche, der Galerie der Prototypen, die unter der Oberfläche brodeln. Seltsames, Ungewohntes und Groteskes zieht mich an. Ich verlasse gern die ausgetretenen Pfade und erkunde die inneren Dschungel. Vor allem bizarre Auswüchse der Seele und des Denkens interessieren mich.  Ich sehe mich gern als eine Art Höhlenforscher der unterbewussten Tiefen der menschlichen Psyche.
Ich mag Poesie, Musik und gut geschriebene Literatur. Und ich mag es, überrascht und in Erstaunen versetzt zu werden. Wenn ich lese, dann langweile ich mich allzu oft. Also versuche ich, diesen Fehler zu vermeiden, wenn ich schreibe. Ich versuche, die Geschichten zu erzählen, die ich selbst gern lesen würde, die mich begeistern würden.
Ich messe der Konstruktion einer Geschichte, ihrer Struktur und ihrem Rhythmus große Bedeutung zu. Meine Romane lehnen sich in ihrem Aufbau an die klassischen Strukturen des Films an – das ist eines der Dinge, die ich während des Drehbuchschreibens gelernt habe. Und ich versuche, lyrisch, musikalisch zu schreiben und die unterschiedlichen Tonalitäten zu kombinieren. Ich versuche, Humor und Drama zu verbinden, Sinne und Intellekt zu verknüpfen, etwas Poesie hinzuzufügen und, wenn möglich, Gefühl. Ich versuche, den Leser mit jedem Satz zu überraschen.
Für mich bedeutet Schreiben vor allem den Versuch zu kommunizieren. Ich schreibe nicht für mich, sondern für einen »idealen Leser«, dem ich die Geschichte auf die überzeugendste Art zu erzählen versuche, so wie ein Vater abends seinem Kind etwas erzählt, um ihm zu einem schönen Schlaf zu verhelfen. Mein Ziel ist es, diesem »idealen Leser« ein authentisches Leseerlebnis zu verschaffen, so ursprünglich und berührend wie möglich. Ich versuche, Geschichten zu schreiben, die sich der literarischen Mode entziehen, Romane, die die Zeit überdauern und ihre Bedeutung auch in zwanzig oder hundert Jahren behalten.

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