Denis Thériault – Teil III

Sie sind für drei Monate in Deutschland und haben hierfür extra Deutsch gelernt. Wie ist es für Sie als Schriftsteller, sprachlich so eingeschränkt zu sein?

Ich muss zugeben, dass es ein bisschen schwierig ist, weil die Sprache für gewöhnlich mein Werkzeug ist. Ich fühle mich wie ein Zimmermann ohne seinen Hammer, wie ein Arzt ohne Stethoskop. Im letzten Sommer habe ich privat Deutschstunden genommen, um mich auf meine Reise vorzubereiten, aber meine Kenntnisse sind unzulänglich, und manchmal bin ich frustriert, weil ich mich nicht ungehindert ausdrücken kann. Es ist eine gute Lektion in Demut.
Es ist also ein bisschen schwierig, aber gleichzeitig auch fesselnd. Die deutsche Sprache ist komplex, aber faszinierend, und ich mag ihren Klang. Es ist für mein Ohr wie eine unbekannte Musik, ein wenig verwirrend, aber bezaubernd. Ich will es lernen! Ich übe, Ausschnitte aus den deutschen Übersetzungen meiner Romane zu lesen, und es hilft mir, den Geist der Sprache zu erfassen. Ich versuche, die Angst vor einer Blamage zu überwinden und zu sprechen, selbst wenn ich gegen meinen Willen Dummheiten von mir gebe. Glücklicherweise sind meine deutschen Gastgeber sehr nachsichtig. Sie machen sich nie über meine Bemühungen lustig und bieten immer an, mir zu helfen. Ich weiß diese Liebenswürdigkeit sehr zu schätzen. Zwar fürchte ich, dass ich immer noch ein Anfänger sein werde, wenn ich im Dezember wieder abreise, aber ich denke darüber nach, in Montreal weitere Kurse zu belegen und mich mit Menschen zu treffen, die Deutsch sprechen. Wenn ich also (bald, wie ich hoffe) nach Deutschland zurückkomme, kann ich hoffentlich ungehinderter kommunizieren und die reichhaltige deutsche Kultur noch mehr auskosten.

In ›Das Lächeln des Leguans‹  sucht Luc seine Mutter im Meer. Die französischen Wörter für das Meer und die Mutter werden fast gleich ausgesprochen und bilden daher auch sprachlich eine Einheit. Wie wirkt die deutsche Sprache, die Sie zwar hören, aber nicht immer verstehen, auf Sie?

Wir betreten hier das dornenreiche Gebiet der Übersetzung. Dadurch, dass meine Arbeiten in verschiedene Sprachen übersetzt werden und ich die Gelegenheit habe, mit verschiedenen Übersetzern zusammenzuarbeiten, wurden mir die elementaren Schwierigkeiten klar, die bei der Übersetzung eines literarischen Werks entstehen. Es gibt Dinge, Wörter, Ausdrücke, die einfach nicht übersetzt werden können. Genau das ist der Fall bei dieser phonetischen Identität der Worte »mer« und »mère«, die dem Roman im Französischen so wunderbar entgegenkommt. Im Deutschen wie im Englischen existiert diese Klangbeziehung nicht, daran kann man nichts ändern. Diese Art der Unmöglichkeit kann so wesentliche Elemente wie den Titel eines Buches betreffen. Der Titel meines Romans ›Le facteur émotif‹ zum Beispiel hat eine doppelte Bedeutung, die ich sehr mag, die aber leider weder ins Deutsche noch ins Englische übertragen werden kann. Und ich vermute, dass es in China das Gleiche sein wird – dort wird der Roman im kommenden Jahr veröffentlicht. In einer solchen Situation hat man keine andere Wahl, als einen neuen Titel zu suchen. Im Englischen wurde es ›The Postman’s Round‹, ein Titel, der ebenfalls eine Doppelbedeutung enthält, wenn auch eine völlig andere. Im Deutschen heißt das Buch ›Siebzehn Silben Ewigkeit‹, was mir sehr gefällt, obwohl es nichts mit dem ursprünglichen Titel gemein hat. Während der Übersetzung dieses Buches trat eine weitere Schwierigkeit auf: Die Handlung des Romans baut auf einem Briefwechsel auf, der aus Haikus besteht, jenen kleinen japanischen Gedichten aus siebzehn Silben. Wenn es jedoch etwas gibt, das schwer zu übersetzen ist, dann ist es Poesie. Meine Übersetzer standen also vor einer echten Herausforderung, und ich konnte ihnen dabei nicht so recht helfen. Die einzige Lösung besteht in der Nachdichtung. Ich bewundere insbesondere Saskia Bontjes van Beeks Umgang mit meinen Haikus. Sie hat jedes Gedicht mit großem Talent nachgedichtet. Die ursprüngliche Bedeutung bleibt erhalten, und der Klang ist wundervoll. Ich schätze mich glücklich, eine solche Übersetzerin zu haben. Ich muss gestehen, dass ich sehr neugierig bin, was mit den Gedichten in Mandarin passiert … 

Worin unterscheiden sich Kanada und Deutschland am stärksten? Was hat Sie bisher am meisten beeindruckt?

Als ich ankam, fielen mir sofort einige offenkundige Unterschiede auf, besonders auf architektonischem Gebiet, dann in kleinen Details des Verhaltens (Menschen, die in der S-Bahn Bier trinken – in Kanda undenkbar). Aber nach fast zwei Monaten in Ihrem Land staune ich eher über die Gemeinsamkeiten als über die Unterschiede. Das Klima im Süden von Deutschland ähnelt dem meines Landes sehr (im Moment zumindest, vermutlich wird sich die Diskrepanz im Januar sehr rasch vergrößern), und die Vegetation ist beinahe die gleiche, mit vielleicht etwas weniger Ahornbäumen. Die Mentalität der Deutschen scheint mir jener der Kanadier und Quebecer sehr ähnlich. Das erklärt sich vermutlich aus der sehr »angelsächsischen« Tradition der kanadischen Institutionen und auch durch eine gewisse »nordische« Art, die den Menschen gemeinsam ist, die in nördlichen Breiten leben. Es kommt mir vor, als würden wir dieselben grundsätzlichen Werte teilen. Wie die Kanadier, so scheinen mir die Deutschen höfliche Menschen zu sein, ein wenig reserviert, aber von Natur aus großzügig, versöhnlich, umgänglich, interessiert, doch nie indiskret. Die Menschen sehen denen, die mir auf einer Straße in Montreal begegnen könnten, sehr ähnlich. Ich glaube, ein Deutscher hätte in Kanada wenig Anpassungsschwierigkeiten. Abgesehen vielleicht von der Polarkälte im Februar.

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