Briefe aus … den USA

Besessen von Freiheit – von Ulrike Rylance

Ulrike_Rylance

Wir fragen dtv-Autoren aus aller Welt, was sich angesichts aktueller politischer und gesellschaftlicher Entwicklungen wie der Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten, Brexit und Terror für sie im Alltag, beim Schreiben und ihrem Leben als Autor geändert hat. Heute schreibt uns Ulrike Rylance aus Seattle, USA.

Am Tag nach Trumps Wahlsieg kam meine Tochter völlig verstört aus der High School nach Hause. Nicht nur waren Trumps Anhänger lärmend und mit Fahnen durch die Schule gezogen, es kam auch in der Pause ein muslimischer Mitschüler zu der bei allen beliebten Englischlehrerin und fragte sie, ob sie im ihm in der Zukunft beistünde, wenn der Mob ihn bedrängte. (Der Trump-Anhänger hatten ihm an diesem Tag schon angekündigt, dass es ihm bald an den Kragen ginge.)

Die Englischlehrerin brach daraufhin in Tränen aus. Ich im Übrigen auch, als meine Tochter mir davon berichtete. Es erschien mir wie eine dumpfe, dunkle Vorahnung darauf, wie die Dinge sich entwickeln würden. Einige Wochen sind seitdem vergangen, und mein Bauchgefühl hat mir recht gegeben.
Ich habe keine Angst vor dem Mann Trump. Er ist ein aufgeblasener, irrer Egomane, der endlich mal den Selbstbräuner wechseln sollte. Aber ich fürchte mich vor dem, was er in den Köpfen der Leute anrichtet. Bereits jetzt hat man das Gefühl, dass jeder Hillbilly nun endlich mal die Sau rauslassen und sagen kann, was er wirklich denkt. Rassismus, Sexismus, generelle Vulgarität, Großmannsgetue sind ja sozusagen wieder salonfähig geworden, jetzt, wo es Trampel Trump im Weißen Haus allen vorlebt. Gegen Trump kann man wettern, man kann ihn mit Bildchen und Witzen im Internet verhohnepipeln, man kann Petitionen unterschreiben und demonstrieren. Aber wenn der Mob dann mit Mistgabeln oder eben mit wüsten Verhöhnungen und Beleidigungen auf moslemische und jüdische und homosexuelle und überhaupt alle irgendwie anderen Mitschüler in den Gängen der High School losgeht, dann ist man in diesem Moment als Minderheit alleine. Und ja – das macht mir Angst.
Zurzeit kursieren die wildesten Theorien im Internet: Die Republikaner benutzen Trump nur so lange, wie er ihnen nützlich ist, und sägen ihn dann ab, Trump selbst wird über kurz oder lang in einem Wutausbruch das Handtuch werfen, weil ihn der Job anödet, Trump wird Opfer eines Attentats und so weiter und so fort. Ob man daraus Hoffnung schöpfen soll, darüber möchte ich nicht spekulieren. Aber ich habe in den fünfzehn Jahren, in denen ich jetzt in den USA lebe, vor allem eins gelernt: Amerikaner lieben ihre Freiheit über alles. Mehr noch als ihre Waffen, falls das überhaupt möglich ist. Amerikaner sind geradezu besessen von Freiheit, es ist der Grundstein ihrer Demokratie, ihrer Geschichte, ihres ganzen Denkens. Sie kennen nichts anderes als diese Freiheit, und sie nehmen sie als selbstverständlich gegeben hin. Und diese Freiheit lassen sie sich von niemandem nehmen. Daraus schöpfe ich Hoffnung.

Dieser Beitrag erschien zuerst im Blog »Briefe aus Amerika«.

Ulrike Rylance ist freiberufliche Autorin. Sie stammt ursprünglich aus Jena, wohnte eine Weile lang in Leipzig und London und lebt heute mit ihrer Familie in Seattle/ USA. Sie schreibt Kinderbücher, Jugendkrimis und Frauenromane – auch unter den Pseudonymen Ulrike Herwig und Caro Martini.

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