Briefe aus … Israel

Tweet aus Tel Aviv - von Lizzie Doron

Lizzie Doron IsraelDie Wochenendzeitungen und alle Nachrichtenkanäle haben bekannt gegeben, dass auf dem Stadtplatz eine Kundgebung stattfinden wird. Menschen, die von der Freiheit träumen, werden sich dort versammeln, um 50 Jahren Besetzung zu gedenken.

Sie sind wieder auf den Straßen und demonstrieren dafür, dass die Besetzung beendet werden muss, dass die Zeit reif ist für zwei Länder für zwei Nationen, dass Araber und Juden nicht in Feindschaft leben wollen.

Die Kundgebung fängt bald an, ich bin noch immer nachdenklich.

Soll ich hingehen?

Soll ich hier bleiben?

Was soll eine weitere Demonstration Positives bewirken?

Ich starre auf den Fernseher. Ich kann mich kaum vom Bildschirm lösen und mir wird klar, dass ich in letzter Zeit zu einer obsessiven Beobachterin des globalen Dramas geworden bin, in dem Donald J. Trump die Hauptrolle spielt.

Erst gestern verkündete er, dass sein Besuch im Mittleren Osten ein voller Erfolg gewesen sei. Heute, dass er die Botschaft nicht nach Jerusalem verlegen werde (aus meiner Sicht eine Erleichterung).

Es ist zu erwarten, dass er heute Nacht aus dem Pariser Klimaschutzabkommen austritt … und die USA somit in die Riege der Länder eintreten, die sich weigern, unseren Planeten zu erhalten – Syrien, Nicaragua und Amerika.

Ich warte auf seinen nächsten Schritt.

Moment, ich habe eine Nachricht auf WhatsApp.

 

„Kommst du?“ fragt eine Freundin, eine der Organisatoren, eine, die niemals aufgibt.

„Auch wenn die Besatzung nicht beendet wird,“ schreibt sie, „werde ich zumindest das Gefühl haben, etwas getan zu haben.“

„Ich bin unterwegs“, antworte ich. Gegen ihr Argument komme ich nicht an.

Ich mache mich auf den Weg zum Platz.

„Alternative Fakten“, „Fake News“, „Brexit“.

Theresa May, Marine Le Pen, Manchester und es hat nichts mit Fußball zu tun.

Wörter, Begriffe, Ideen und Namen, die ich in letzter Zeit gelernt habe, übernehmen Kontrolle über mich.

Melania – ist sie eine Art Hoffnung? Frage ich.

Ivanka und Jared Kuschner und Comey vom FBI.

Ich war noch nie so sehr in ausländische Politik involviert.

Wir haben unsere eigene.

Macron und Brigitte, seine 25 Jahre ältere Frau.

Ich muss wohl nach Trost suchen.

Vergiss die Deutschen nicht?

Natürlich denke ich auch an sie.

Sie haben ihre „Unsterblichen“, junge Neo-Nazis, aber sie haben auch Angela. Unter allen Nationen die eine, die die Tore bewacht. Sie erinnert sich einfach immer noch, höre ich meine Gedanken widerhallen.

 

Ich bin am Stadtplatz.

Ich wähle einen einigermaßen geschützten Ort am Rand der Menge und beobachte die Menschen um mich herum.

Eigentlich ist es ein schöner Frühlingsabend. Nicht zu heiß und nicht zu kalt, aber trotzdem legt sich eine erstickende Stille über den Platz.

 Jemand hat gesagt, dass über fünfzehntausend Menschen zur Demonstration gekommen sind.

(Ich hatte mehr erwartet).

Ich bleibe auf meinem Platz.

In meinem Gehirn verselbstständigen sich die Gedanken.

Flüchtlinge?

Wir sind daran gewöhnt.

Syrien?

Wir sind daran gewöhnt.

Die Türkei und Erdogan?

Ebenso.

Besetzung???

Ein Junge, der ein Schild trägt, läuft an mir vorbei.

„Beendet die Besetzung!!!“ hat er in Rot auf die Pappe geschrieben.

Er ist ungefähr vierzehn, schätze ich. Also etwa in dem Alter, in dem ich war, als wir damals die arabischen Territorien besetzten, als wir glaubten, dass so der Sieg aussieht, dass wir nie wieder schwach sein würden, nie wieder hilflos.

Fünfzig Jahre!!!

Haben wir uns daran gewöhnt?

Wahrscheinlich haben wir das.

Und das ist noch nicht alles. Wir haben Führer gewählt, die uns versprechen, dass wir niemals vergessen, was Amalek uns angetan hat. Führer, die uns sagen, dass wir die Opfer sind.

Sind wir das?

Die Demonstration beginnt.

Die Stimme meiner Freundin schallt von der Bühne.

„Dieses Jahr ist der Faschismus schamlos“, sagt sie. „Dieses Jahr fallen die Grundsätze in sich zusammen. Wir hier kennen bereits den Hass und die Angst, die die Demokratie zerbrechen lassen …“

Die Zuhörer applaudieren und ein älterer Mann, der vor mir steht, will ausgerechnet mir seine Gedanken erzählen.

„Ich glaube normalerweise nicht an Demonstrationen, aber heute bin ich hier, nur wegen Trump“, sagt er mir.

Die Menge um ihn herum signalisiert ihm, leise zu sein. Sie wollen die Sprecher hören, die nacheinander das Podium betreten. Aber er besteht darauf, weiter mit mir zu reden.

„Ich habe verstanden, dass die wichtigste Sache heutzutage ist, die Demokratie zu bewahren. Sie ist so zerbrechlich. Jetzt, wo nicht nur wir durcheinander sind, sondern die ganze Welt.“

Sie bringen ihn erneut zum Schweigen, ich reagiere nicht wirklich, ich höre nur zu.

Er wird sauer und geht.

Und plötzlich wird mir klar, dass Trump ein Wunder sein könnte.

Ja, ein Wunder.

Trump ist ein Weckruf.

„Hört zu, hört zu, aufgeklärte Bürger, wo auch immer ihr seid. Euer Urlaub ist vorbei. Ihr könnt nicht länger schlafen. Wacht auf und steht auf, geht auf die Straßen. Die Demokratien brauchen eure Hilfe. Ihr seid dazu ausersehen, die Beschützer der Freiheit zu sein. Die Tage der Gnade sind vorbei.“

Mit dieser Rede im Kopf bahne ich mir meinen Weg. Ich will näher heran an das Herz des Platzes und es spüren, mit diesen Menschen, zu denen ich gehören muss. Ich will fühlen, dass ich trotz allem, was gerade passiert, etwas tue.

Lizzie Doron, 1. Juni 2017

 

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