Briefe aus … Russland

»So entsteht der Eindruck, dass nicht allein Russland aus den Lektionen des 20. Jahrhunderts nichts gelernt hat. Offensichtlich haben auch andere Länder ihre ›schlechten Schüler‹.«

Elena ChizhovaWir fragen dtv-Autoren aus aller Welt, was sich angesichts aktueller politischer und gesellschaftlicher Entwicklungen wie der Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten, Brexit und Terror für sie in ihrem Alltag, ihrem Schreiben und ihrem Leben als Autor geändert hat. Heute schreibt uns Elena Chizhova aus Russland.

Wie so vieles im Leben wird die Einschätzung aktueller gesellschaftlicher und politischer Ereignisse nicht nur durch die Weltanschauung, sondern auch durch den Wohnort desjenigen bestimmt, der diese Einschätzung vornimmt. Ich lebe in Russland. Vielleicht ist das der Grund, weshalb ich die Wahl von Donald Trump und den Brexit als Glieder in einer Kette von Ereignissen sehe. Deren Anfang ist in der Münchner Rede von Vladimir Putin zu suchen, die unter anderem die Annexion der Krim zur Folge hatte – insofern man diesen Vorgang als Auswirkung von Putins persönlichen und (was in diesem Fall wohl ein und dasselbe ist) politischen Kränkungen bezeichnen kann.

Es geht nicht darum, dass Putin, womit die Journalisten uns gerne Angst einjagen, ernstlich seine Hand im Spiel gehabt und sich in die inneren Angelegenheiten der USA und Großbritanniens eingemischt hätte (ich persönlich habe kein allzugroßes Vertrauen in die Fähigkeiten und das strategische Potential der russischen Geheimdienste). Es geht vielmehr darum, dass Putin – seiner durch und durch sowjetischen Natur nach ein Präsident der »armen, bedürftigen« und nicht übermäßig gebildeten Bevölkerungsschichten, die den Anschluss ans 21. Jahrhundert verpasst haben – Organisator und Inspirator einer pseudo-sowjetischen Konterrevolution wurde, welche die Mehrheit der Bevölkerung (staatlichen Umfragen zufolge 84 %) mit anhaltendem Applaus begrüßte, der dann in stürmische Ovationen überging – so ist die Regel für dieses sowjetische Genre.

Zugleich hat Vladimir Putin damit eine Pandorabüchse geöffnet, aus der noch mehr »Arme, Bedürftige« und nicht übermäßig Gebildete in die Welt hinaus drängten (die Rede ist nicht mehr von Russland, sondern von Europa und den Vereinigten Staaten). Diese gelangten, für sich selbst ebenso unverhofft wie für alle anderen, zu der Erkenntnis, dass man in einer globalisierten Welt nicht leben kann.

Sie entschieden sich für die einfachste Lösung dieser in jeder Hinsicht schwierigen Frage und stimmten ab: zuerst für den griechischen Populisten Alexis Tsipras, dann für den Brexit und schließlich für Trump. Mittlerweile sind sie auf den Geschmack gekommen und schicken sich an, einen ganzen Pulk »national« ausgerichteter Politiker bis hin zu Marine Le Pen mit ihren Stimmen zu unterstützen. Die Dämonisierung des Flüchtlingsproblems (bei all seiner tatsächlichen und offenkundigen Komplexität) entstammt ihrem kollektiven Bewusstsein. So entsteht der Eindruck, dass nicht allein Russland aus den Lektionen des 20. Jahrhunderts nichts gelernt hat. Offensichtlich haben auch andere Länder ihre »schlechten Schüler«.

Als vernunftbegabter Mensch und als Direktorin des Sankt-Petersburger PEN-Clubs kann mich dieser »Aufstand der erniedrigten und beleidigten Massen« nicht kalt lassen. Aber der Schriftstellerin in mir gibt er wahrlich ausgiebig Gelegenheit zur literarischen Verarbeitung. Ich hoffe, man bezichtigt mich nicht des gesellschaftlichen und politischen Zynismus, wenn ich sage: Wir leben in einer Welt, die äußerst interessant zu beobachten ist. Wie ist diese Welt beschaffen? In welchem Zusammenhang steht sie mit den totalitären Regimes des vergangenen Jahrhunderts?

Diese und viele andere Fragen reflektiere ich in meinem kürzlich erschienenen neuen Roman ›Kitaist‹ (›Der Sinologe‹; noch nicht auf Deutsch erschienen – Anm. der Red.) in Bezug auf Russland. Andere Länder tangiert diese im Genre der alternativen Geschichtserzählung geschriebene Antiutopie insofern, als das postsowjetische Russland einer der wesentlichsten Faktoren (und offen gesagt: tonangebend) ist für jene offenkundigen Veränderungen zum Schlechteren, die derzeit auf der ganzen Welt und vor unser aller Augen stattfinden.

Aus dem Russischen von Dorothea Trottenberg
© Bild: Natalia Chaika

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