Briefe aus … Großbritannien

»Großbritannien ist momentan tief gespalten. Wie kann man als Schriftsteller für und über eine solche Gesellschaft schreiben?«

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Wir fragen dtv-Autoren aus aller Welt, was sich angesichts aktueller politischer und gesellschaftlicher Entwicklungen wie der Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten, Brexit und Terror für sie in ihrem Alltag, ihrem Schreiben und ihrem Leben als Autor geändert hat. Heute schreibt uns Chris Cleave aus London, Großbritannien.

Britische Schriftsteller erleben momentan eine merkwürdige Zeit. Autoren, die sich an der Wirklichkeit orientieren, haben den Eindruck, unter Fantasten zu leben. Manche haben selbst das Gefühl, den Bezug zur Realität verloren zu haben. Andere werden denken, die Brexit-Befürworter haben sich von der Wirklichkeit verabschiedet. Beide Lager können nicht Recht haben und niemand weiß, welche Hälfte realitätsblind und welche realitätsbezogen ist.

So stellt es sich für mich dar: Zehn Monate nach der Brexit-Abstimmung glaubt eine knappe Mehrheit der abstimmungsfähigen Briten immer noch, alleine stärker zu sein als zusammen mit unseren Nachbarn. Diese Position setzt ein dreifaches Missverständnis voraus: den Glauben an das Wiedererlangen eines selbstbewussten Umgangs mit der Vergangenheit Großbritanniens, die Missdeutung der aktuellen Bilanz und ein Fehlurteil unserer zukünftigen Handlungsposition. Es hat sich gezeigt, dass diese drei Fantasien einer unzufriedenen Nation verkauft werden konnten, und genau das hat eine Gruppe opportunistischer Politiker getan.

Aus meiner Sicht ist deren dreifache Lüge alt, langweilig und gehört zum Standard-Repertoire der politischen Rechten. Neu und seltsam ist, dass die Briten darauf hereingefallen sind, die zuletzt eher weniger empfänglich für Chauvinismus waren. Nehmen wir beispielsweise die Chimäre der Souveränität. Das war das entscheidende Versprechen der Brexit-Befürworter, die die Angst der Bevölkerung vor Ausländern ausnutzten. Sie taten so, als ob Einwanderung und Terrorismus eins wären. Großbritannien war einst gut darin, besonnen und mit Augenmaß zu handeln. Das gehört leider der Vergangenheit an. Das Fahren unter Alkoholeinfluss tötet in Großbritannien und Europa jedes Jahr zehntausend Menschen. Daraus resultieren bislang 160.000 brutale, gewaltsame und kriminelle Tötungen in diesem Jahrhundert, denen weniger als eintausend Tote durch Terrorismus gegenüberstehen. Wir sollten Maßnahmen gegen die Menschen unter uns, die sich betrunken ans Steuer setzen, ergreifen.

Und dennoch, das Bedürfnis nach Einwanderungskontrollen setzte sich durch. Die Brexit-Befürworter bestehen darauf, dass unser Wohlergehen und unser Wohlstand von außen bedroht sind.
Man könnte vermuten, dass die Brexit-Befürworter die Menschen und Institutionen innerhalb unserer Grenzen lieben, aber das ist nicht der Fall. Reiche und Arme, Intellektuelle, Minderheiten, EU-Bürger, Akademiker, Wissenschaftler, die Justiz, Parlamentsabgeordnete, Frauen und Progressive: all diese Gruppen haben große Schmach erlitten seit der Brexit-Befürwortung.

Nach den schrecklichen Terroranschlägen in London, die vor kurzem passiert sind, gab es von Lokaljournalisten, die Sprachrohre der Brexit-Befürworter sind, einen Ausbruch von Hass gegen die Menschen aus London. Ich erlebte zum ersten Mal, wie ein Terroranschlag auf die Hauptstadt eine Nation gespaltet und nicht geeint hat. (Währenddessen beleuchtete Deutschland in einem Akt der Solidarität das Brandenburger Tor mit den Farben der britischen Flagge.)

Großbritannien ist momentan tief gespalten – wenigstens das empfindet wohl jeder so. Wir scheinen eher durch Abscheu und nicht durch Logik angetrieben zu werden. Wie kann man als Schriftsteller für und über eine solche Gesellschaft schreiben?

Meine erste Antwort darauf ist, Teil des demokratischen Prozesses zu sein und dessen Ergebnis zu akzeptieren. Ich glaube nicht, dass die Menschen, die für den Brexit gestimmt haben, schlecht sind. Ich gehöre auch nicht zu jenen, die die Fakten abstreiten möchten: Wir werden die EU verlassen; das betrifft diese Generation und vielleicht auch die nächste.

Ich akzeptiere und bedauere die Veränderungen in der britischen Gesellschaft, die das Ergebnis unseres Referendums ermöglicht haben. Ich akzeptiere, dass es in Großbritannien einen Sprachgebrauch gibt, der nicht mehr verantwortungsvoll und umsichtig genannt werden kann. Ich akzeptiere, dass Großbritannien nicht mehr für Überzeugungskraft und Konsens steht. Ich akzeptiere, dass Großbritannien jetzt ein Ort ist, wo eine hauchdünne Mehrheit für eine absolute und unangefochtene Macht steht. Ich akzeptiere, dass in meinem Land Menschen wie ich nicht mehr gehört werden.

Deswegen gehe ich nicht mehr auf Demonstrationen gegen den Brexit. Nicht, weil ich faul oder desinteressiert wäre. Ich glaube, die Brexit-Befürworter definieren sich viel zu oft gegen Stimmen von Menschen wie mir, die sie als »liberal« oder realitätsfremd empfinden. Indem ich das Abstimmungsergebnis voll und ganz akzeptiere, fordere ich die Brexit-Befürworter nicht mehr heraus und lasse sie die radikalen Verbesserungen, die sie versprechen, in die Wege leiten.

Meine zweite Antwort lautet, weiter für Menschen außerhalb Großbritanniens zu schreiben. Ich stamme aus einer englisch-französischen Familie und meine Verlage und Leser kommen aus einem Dutzend europäischer Länder. Europäer zu sein beinhaltet für mich nicht nur eine politische Haltung, und so kann ich ruhig mit meinen Sachen weiter machen. Als Schriftsteller kann ich in den nächsten Jahren viele andere Schriftsteller, Künstler, Akademiker und Geschäftsleute unterstützen, die den Austausch zwischen Großbritannien und dem europäischen Festland weiterhin fördern.

Meine dritte Antwort darauf ist, mit einer Qualität zu schreiben, die, so hoffe ich, »traurig schön« genannt werden kann – um ein Gefühl dessen zu vermitteln, was wir verloren haben. Ich glaube, das ist die Rolle eines Realisten in dieser neuen Gesellschaft, in der die »Brexiter« und »Trumpianer« das Sagen haben. Sie versuchen, die Fakten zu verzerren, die Geschichte zu verändern und die Wahrhaftigkeit Andersdenkender anzuzweifeln. Als kleine, machtlose Person kann ich mich gegen deren unbegrenzten Reichtum und Medienpräsenz nicht behaupten. Ich kann jedoch versuchen, beim Schreiben Wahrhaftigkeit und Schönheit zu Wort kommen zu lassen.

Geduld, Bescheidenheit, Beharrlichkeit und Konsistenz sind die Werte realistischen Schreibens, genau wie in einer realistischen Gesellschaft. Auf lange Sicht werden diese Qualitäten vielleicht von der Mehrheit wieder anerkannt als brauchbare Alternativen zu Angst, Chaos, Veränderlichkeit und Kriegslust, die von unseren neuen Machthabern forciert werden. Ich glaube weiterhin an die Fähigkeit der Mehrheit, sich irgendwann in der Zukunft wieder auf die Realität zu besinnen. Sonst hätte ich mich längst erhängt. Solange dieser zerbrechliche Glaube in mir weiterlebt, werde ich weiter schreiben.

Abschließend möchte ich mich bei meinen deutschen Lesern bedanken und ihnen meine große Anerkennung aussprechen. Ich danke Ihnen dafür, dass Sie meine Bücher lesen und bin dankbar für Ihre großartige Unterstützung. Während ich diesen Text geschrieben habe, hält Ihr Land der aufkommenden Isolation stand. Ich bin sehr stolz darüber, in Deutschland publiziert zu werden. Zusammen mit vielen Millionen anderen ermutigt es mich, wie Ihr Land mit Stärke und Wahrhaftigkeit in diesen gefährlichen Zeiten besteht.

Am 7.4. erscheint der neue Roman von Chris Cleave – erhältlich als Klappenbroschur und eBook:

Chris Cleave
Die Liebe in diesen Zeiten
Chris Cleave
Die Liebe in diesen Zeiten

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