»Der Migrant ist zur Leitfigur der mobilen Moderne avanciert.«

Sigrid Löffler über die neue Weltliteratur und ihren Pionier Samuel Selvon

Sigirad Löffler Samuel Selvon

Zuerst kamen die Jamaikaner, aber auch Menschen aus Trinidad und von anderen Inseln der Karibik. Sie waren eingeladen worden, in Großbritannien zu leben und zu arbeiten. Sie kamen wie gerufen, und sie schienen auch willkommen. Sie ließen sich in London nieder – die Metropole des British Empire war die natürliche Ankunftsstadt für Bürger des Commonwealth. Vier Jahrhunderte lang hatte Großbritannien Kolonisatoren in alle Welt exportiert; nun, erschöpft vom Zweiten Weltkrieg und nicht in der Lage, sein Imperium noch länger zusammenzuhalten, entließ es die Kolonien und importierte im Gegenzug die Kolonisierten.

In mehreren Einwanderungswellen strömten diese nun ins Mutterland, auf der Suche nach einem Leben ohne Not. Der Anfang lässt sich genau datieren: Die ersten Arbeitsmigranten aus Jamaika landeten am 22. Juni 1948, als das Schiff ›Empire Windrush‹ in Tilbury an der Themse-Mündung anlegte.

Nach den Menschen aus der Karibik kamen Menschen vom indischen Subkontinent – Inder, Pakistanis, schließlich auch Bengalen aus Bangladesch – und dann Afrikaner aus den ehemaligen britischen Kolonien. Obwohl auch sie um ihr Kommen gebeten worden waren – England benötigte sie als billige Arbeitskräfte –, waren sie vielen Briten nicht willkommen. Wie unerwünscht sie vielerorts waren, bekamen die Zuwanderer drastisch, oft am eigenen Leibe, zu spüren. Eingeladen, aber ausgegrenzt, angefeindet und in Slums abgedrängt zu werden – diese Erfahrung war für die Zuzügler eines der Rätsel ihrer Ankunft.

Und diese Erfahrung bedurfte der Klärung. Ein bewährtes Medium der Klärung und Selbsterklärung ist die Erzählung: Die Zuwanderer und deren Kinder begannen, sich selbst die Geschichte ihres großen Lebensbruchs, ihrer Entwurzelung und Entortung, zu erzählen – die Geschichte ihrer Migration. Sie hatten die Migration das erste Mal durchlebt und riefen sie dann als eine imaginäre Deterritorialisierung und Weltwanderung von neuem ins Leben: als Literatur. ›The Lonely Londoners‹ heißt der Roman von Sam Selvon, der die Geschicke einer Handvoll Einwanderer der ›Generation Windrush‹ nur wenige Jahre nach deren Ankunft erzählt – aus ihrer Sicht und in ihrem kreolisierten Englisch. Fragen der Fremde, des Anders-Seins, der Identitätssuche, der mühsamen Annäherung und Eingewöhnung werden darin verhandelt. ›The Lonely Londoners‹ (auf Deutsch erschienen unter dem Titel ›Die Taugenichtse‹; Anm. dtv) war der erste Roman über die erste Immigrationswelle. Er war Vorbote einer gerade entstehenden neuen Literatur. Längst genießt er Klassikerstatus.

Indem sie Kulturgrenzen überschritten und damit auch erweiterten, wurden die Zugereisten zu Urhebern einer neuen Literatur des Dazwischen, des Oszillierens zwischen den Kulturen, der mehrfachen Identitäten. Sie erzählten vom Glück und Unglück hybrider Mischungen. Sie erzählten von einer Welt »in Transit«, in einem beunruhigenden und widersprüchlich kodierten Zwischenraum unklarer Zugehörigkeiten. Sie brachten Kunde vom provisorischen Leben in diesem »Dritten Raum« in einem auf Dauer gestellten Transitorium zwischen Aufbruch und Ankunft. Möglicherweise ist dieser »Dritte Raum« ohnehin der stimmigste Ort der migrantischen Moderne.

Hybridität ist ein Leitbegriff dieser Literatur. Diese Hybridität – eigentlich ein Kampfbegriff gegen die kolonialherrliche Gewohnheit, die Welt von sich aus als Zentrum zu denken – erwies sich als Motor der kulturellen Expansion und trug dazu bei, das eurozentrische Hierarchie- und Machtdenken, das auch die Literatur beherrscht hatte, aus den Angeln zu heben.

(…) jede Einwanderungswelle in Großbritannien fand alsbald ihre Chronisten, ihre Geschichtsschreiber, ihre Helden-Epiker. (…) In ihren Romanen und Erzählungen gaben diese Chronisten der Einwanderung den Erfahrungen des Migrantentums eine Stimme und machten die kulturelle Andersheit der Zugereisten, deren anfängliche Desorientierung und deren Anpassungsmühen literarisch produktiv. Mit wachsendem Selbstbewusstsein begannen sie die Diversität zu feiern. Sie haben die englische Literatur um neue Themen und Sichtweisen, Erzählstoffe und Erzählformen, Grammatiken, Metaphoriken und sprachliche Innovationen bereichert.

Diese Autoren schreiben Migrationsgeschichten aus der Sicht der Ankömmlinge. Es ist der Blick doppelter Außenseiter, die sich nirgends ganz zugehörig fühlen – weder im Herkunftsland noch im Zufluchtsland, erst recht nicht in den Transitländern, die sie passierten. Mit allen Kräften der Imagination und Symbolisierung verwandeln sie diese ambivalenten Erfahrungen in sprachmächtige Erzählungen. Sie nehmen das Dazwischen-Sein nicht länger als Stigma der Ausgeschlossenen hin, sie deuten es vielmehr als Vorschein des künftigen Generellen. (…)

(Es sind) die Erzählungen migrantischer Autoren, in denen der Prozess einer globalen Transformation literarisch reflektiert und gedeutet wird. Sie machen uns unsere eigene Patchwork-Identität als universale Gegebenheit bewusst. (…) Die Transformation Großbritanniens ist dabei nur eine Facette eines viel größeren, eines globalen Wandels. Der Migrant ist zur Leitfigur der mobilen Moderne avanciert. Dies konnte deshalb geschehen, weil die Welt in Bewegung geraten ist wie nie zuvor. (…) und das bietet ergiebigen Erzählstoff.

Diese neue Weltliteratur ist eine dynamische, rasant wachsende, postethnische und transnationale Literatur, eine Literatur ohne festen Wohnsitz, geschrieben von Migranten, Pendlern zwischen den Kulturen, Transitreisenden in einer Welt in Bewegung, deren avancierteste Vertreter wie Taiye Selasi, Mohsin Hamid oder Teju Cole auch den Postkolonialismus bereits hinter sich gelassen haben. Diese Literatur ist mit nationalliterarischen Kategorien nicht mehr zu fassen. Sie eröffnet neue Erzählwelten und Erfahrungsräume und operiert in globalen Vernetzungen, in denen die Unterschiede zwischen Peripherie und Zentrum längst zum Verschwinden gebracht wurden.

Sigrid Löffler in ›Die neue Weltliteratur und ihre großen Erzähler‹

Cover des Buches 'Die neue Weltliteratur'

 

 

die taugenichtse 

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