»Was ist, wenn der Angeklagte unschuldig ist und der Richter der Schuldige?«

Eoin McNamee über Schattenreiche, Schuld und ganz persönliche Parallelen

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Gibt es das Böse im Menschen? Oder nur Lebensumstände? ›Blau ist die Nacht‹ von Eoin McNamee ist ein packender Noir über Ehrgeiz und Perversion, Macht und Sexualität und die Abgründe in einer Gesellschaft am Rande des Zusammenbruchs. In einem Gasbeitrag schreibt Eoin McNamee exklusiv für unseren Blog über Schattenreiche, Schuld und ganz persönliche Parallelen:

mcnamee_parentsDas ist ein Foto von meinem Vater und meiner Mutter. Es wurde im ›Slieve Donard‹ Hotel in Newscastle in den späten 50er Jahren aufgenommen. Sie tragen Abendgarderobe. Meine Mutter trägt ein seidenes Kleid, das sie nach einem Muster im Vogue-Magazin genäht hat. Mein Vater eine schwarze Krawatte, die Haare nach hinten gekämmt, eine Zigarette in der rechten Hand. Der begabte junge Anwalt und seine Frau, die Kunstlehrerin. Der Mann, der in Ungnade fiel. In ihrem Leben gab es Momente der Brillanz und Episoden der unverzeihlichen Dunkelheit. Das ist alles, was man dazu sagen kann. Entweder du erzählst alles oder gar nichts.

Blau ist die Nacht‹ ist das dritte Buch der ›Blau-Trilogie‹. Im Mittelpunkt der Trilogie steht der Richter Lancelot Curran. Drei Frauen, drei Morde in den Wirren der Nachkriegszeit. Curran beginnt seine Karriere als junger, idealistischer Staatsanwalt und wird zu einem Richter, der ganz ungerührt einen Mann zum Tod durch den Galgen verurteilt, der angeklagt wird, den Mord an seiner eigenen Tochter zu decken. Es liegt nahe, nach Parallelen zu meiner eigenen Geschichte zu suchen. Wie der Idealismus stirbt, sobald man mit einem korrupten System in Berührung kommt, etwas in der Art. Was ist, wenn der Angeklagte unschuldig ist und der Richter der Schuldige?

Schattenreich

In diesen Büchern geht es aber nicht um eine persönliche Rückschau, in der Hoffnung, dass wir eine Erklärung dafür finden, warum ein Leben schief lief. Zu retten ist nicht die Aufgabe eines Schriftstellers. Jedenfalls nicht diese Art von Rettung. Was ich mache, ist eine neue Welt zu erschaffen. Ein Streifzug durch Lane Currans Schattenreich. Die High Society  und die Unterschicht. Glückspiel und Sex. Dinge, die weniger einen Rückblick auf ein Leben darstellen, sondern vielmehr das Nichts, in das es sich entleert.

Und du bekommst das Werkzeug für die Erklärung gleich mit an die Hand. Du lernst zu misstrauen. Du lernst, wozu Menschen fähig sind. Du lernst, dass es Orte auf der Welt gibt, die das Licht nicht erreicht. Nichts davon ist gut, aber du lernst, Schönheit zu erkennen und Trost anzunehmen.

Scheitern

Und du kennst die Gesichter. Du hast sie schon vorher gesehen. Die einsame Kavallerie von zwielichtigen Anwälten, korrupten Polizisten, Betrügern und verlorenen Gestalten. All diese Menschen schleppen ihren ganz eigenen Rucksack mit sich, voll mit Sünden. Sie verlangen danach, dass man sie nicht bloß als fiktionales Konstrukt beschreibt, sondern so zeigt, wie sie sind. Das mag sich nach einem Scheitern als Schriftsteller anhören, aber so fühlt es sich nicht an. Sie bei ihren wahren Namen zu nennen erscheint mir als die viele bessere Option, als ihnen irgendwelche erfundenen Namen zu verpassen. Von dieser Art Literatur gibt es schon mehr als genug.

/Eoin McNamee

 

Werke von Eoin McNamee bei dtv

Eoin McNamee
Blau ist die Nacht
Eoin McNamee
Requiem

Ein Kommentar zu “»Was ist, wenn der Angeklagte unschuldig ist und der Richter der Schuldige?«

  • 31. Januar 2017 um 10:00
    Permalink

    Danke für dieses sehr persönliche Statement des Autors zu dieser atemberaubenden Trilogie. Das würde man sich öfter wünschen als Leser statt der oft stereotypen „Waschzettel“.

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