Erich Fromm – ›Die Kunst des Liebens‹ und ›Haben oder Sein‹

Erich Fromms Bestseller werden 60 und 40 Jahre alt – Ein Gastbeitrag von Rainer Funk

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Erich Fromms Werke berühren und bewegen seit vielen Jahrzehnten. Er wies uns darauf hin, dass man sich nicht nur lieben lassen darf, sondern auch etwas tun muss, um das Lieben zu lernen. Er zeichnete Konturen einer von Sein, Teilen und Verstehen geprägten menschlichen Gemeinschaft. Der Nachlassverwalter von Erich Fromm, Dr. Rainer Funk, gibt ein fundierten und unterhaltsamen Einblick in zwei große Werke des Psychoanalytikers und Sozialphilosophen.

erich-fromm_223x300›Die Kunst des Liebens‹
Es gibt heute geradezu eine Gier nach Liebe. Wenn ein Buchtitel das Wort »Liebe« enthält, wirkt das für den Verkaufserfolg wie ein Brandbeschleuniger. Kaum zu glauben, dass dies vor 60 Jahren noch völlig anders war. Ja natürlich, die Liebesromane gab es auch damals schon.

Es gab aber keinen ernst zu nehmenden Wissenschaftler, der sich fachlich mit dem Phänomen Liebe auseinandersetzte. Liebe schien eine Illusion zu sein. Vielleicht noch etwas, was in der Religion eine Rolle spielt. Und in der romantischen Liebesliteratur. Ansonsten aber hielt man sich zurück, das Phänomen Liebe ernst zu nehmen. Schließlich – so Fromm – gibt es »kaum ein Unterfangen (…), das mit so ungeheuren Hoffnungen und Erwartungen begonnen wurde und das mit einer solchen Regelmäßigkeit fehlschlägt, wie die Liebe«.

Als Psychologe wollte Erich Fromm dem etwas entgegensetzen und schrieb 1956 das Buch ›Die Kunst des Liebens‹. Was der Mitfünfziger Fromm, der kurz vorher selbst noch einmal geheiratet hatte, nicht ahnte: Dieses Buch machte ihn schlagartig weltbekannt. Es sollte im ausgehenden 20. Jahrhundert zum weltweit erfolgreichsten Sachbuch werden mit über 25 Millionen verkauften Exemplaren.

Es gibt viele Gründe für den Erfolg dieses Buches. Der wichtigste scheint mir noch immer zu sein, dass Fromm die Fähigkeit zu lieben als eine urmenschliche Möglichkeit ansieht. Sie ist im Menschen angelegt und will sich von sich aus realisieren. Sie braucht gleichzeitig eine Umwelt, die dies befördert und nicht behindert.

Wird die Fähigkeit zu lieben praktiziert, dann spürt man die verändernde Kraft der Liebe. Genau diese Erfahrung hat Fromm ernst genommen und deshalb die Fähigkeit zu lieben selbst so intensiv geübt, dass er ein regelrechtes Bedürfnis spürte zu lieben. Und sei es nur, dass er im kleinen Aufzug, der ihn und seine Frau in Locarno zum Apartment im 5. Stock brachte, einen Kuss gab – er 78, sie 76 Jahre alt.

So bekennt Fromm denn auch am Ende des Buches, dass zu lieben »das tiefste, realste Bedürfnis eines jeden menschlichen Wesens« ist. Dieses Bedürfnis in sich wiederzuentdecken und zu praktizieren, ist das Anliegen dieses zeitlos aktuellen Buches.

Zwei große Werke in der Jubiläums Edition

Erich Fromm
Die Kunst des Liebens
Erich Fromm, Rainer Funk
Haben oder Sein

›Haben oder Sein‹

Es gibt noch einen zweiten Bestseller von Erich Fromm, der in diesem Jahr einen großen Geburtstag hat. Im Herbst 2016 wird das Buch ›Haben oder Sein. Die seelischen Grundlagen einer neuen Gesellschaft‹ vierzig Jahre alt.
Wie der Untertitel zeigt, den Fromm der deutschen Ausgabe hinzugefügt hat, geht es Fromm um die Frage, was in den »Herzen« der vielen Menschen vorgehen muss, wenn das Leben des Menschen und das gesellschaftliche Zusammenleben gelingen sollen.

Wird das wirtschaftliche und gesellschaftliche Leben von Habgier, Abgrenzung, Konkurrenz, Egoismus und Selbstsucht dominiert, dann muss man sich nicht wundern, dass Menschen kein Vertrauen, keine Empathie, keine Solidarität und keine Verlässlichkeit mehr zeigen. Es wird auch immer schwieriger, genügsam zu sein und eine wirkliche Freude am Leben zu spüren.

Was Wirtschaft und Gesellschaft dominiert, das dominiert auch die »Herzen« der Menschen – und kann sie unglücklich machen. Die Änderung des Herzens setzt deshalb eine andere Art zu wirtschaften und zu arbeiten voraus. Dies war zeitlebens das große Thema des Sozialpsychologen Fromm. Darum geht es auch in ›Haben oder Sein‹, seinem letzten großen Buch. Innerhalb von Monaten nach seinem Erscheinen im Jahr 1976 avancierte es zu einem »Kultbuch«.

Fromm sagt nicht, dass man nichts mehr haben solle. Ihm geht es um die Habgier beim Wirtschaften und dass sich diese Gier in einer Unersättlichkeit gerade jener Menschen wiederfindet, die eigentlich alles haben, was sie zu einem guten Leben brauchen. Offensichtlich läuft hier etwas falsch. Das Leben der Konzerne, aber auch das Leben der Schnäppchenjäger wird noch immer von Habgier dominiert.

So überrascht es nicht, dass das Buch seit der letzten Wirtschaftskrise, den Boni-Skandalen und dem Betrug mit Autoabgasen viele neue Leserinnen und Leser gefunden hat und als Wegweiser neu entdeckt wurde. Mit Recht! Das Buch hat nichts von seiner Aktualität verloren.

Dr. Rainer Funk

Dr. Rainer Funk (geb. 1943), Psychoanalytiker in Tübingen, war Erich Fromms letzter Assistent und verwaltet seine Rechte. Neben seiner Herausgebertätigkeit (u.a. eine Gesamtausgabe von Fromm in 12 Bänden) und zahlreichen Publikationen über Fromm veröffentlicht er zur Psychoanalyse des gegenwärtigen Menschen (›Ich und Wir‹, 2005; ›Der entgrenzte Mensch‹, 2011).

Zwei weitere große Werke in der Jubiläums Edition

Erich Fromm
Die Furcht vor der Freiheit
Erich Fromm
Die Seele des Menschen

 

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