Wie beim Übersetzen aus dem Gefleckten Aronstab eine Pimpernelle wird

Ein Essay von Shakespeare-Übersetzer Frank Günther anlässlich der ›Garten=Theater‹-Ausstellung 2016

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Als mir das erste Mal bewusst wurde, dass ich im Grunde gar nicht verstehe, was bei Shakespeare steht, war ich schon tief in meiner zweiten Übersetzung. Es war eine Zeile im ›Sommernachtstraum‹, die mir zum Schlüsselerlebnis wurde; da ging es um einen detailliert beschriebenen Weltzustand, der in Winter, Schlamm, Kälte und Krankheit untergeht, und eines der Beispiele dafür lautet:

and the green corn
Hath rotted ere his youth attain’d a beard

Was, zum Henker, sollte das heißen? »Und das grüne Getreide ist schon verfault, noch bevor seine Jugend zu einem Bart kam«. Grotesk. Darüber liest man so weg, aber wenn man’s übersetzt, muss man das Bild vestehen: »Verfaultes junges Getreide ohne Bartflaum«. Weizen mit Bart? War das einfach unsinnig überdrehte Naturmetaphorik? Mir jedenfalls sagte es nichts, ich sah nichts vor mir, das Sprachbild evozierte nichts. Und da ich nirgendwo eine Erklärung fand, ging ich schließlich zum Nachbarn. Ich war damals als Großstadtmensch recht neu aufs tiefste Land gezogen und befragte den alten Landwirt: »Sag mal, ich kapier das nicht, verstehst du das?« Und etwas ungläubig kam sofort die Antwort »Ja sicher versteh ich’s, du nicht? Ist doch ganz klar, was der meint!« Und er holte seinen alten eingestaubten Erntekranz von der Wand und zeigte mir die eingeflochtenen reifen Weizenähren, die alle tatsächlich – einen »Bart« hatten, nämlich sog. Grannen, dünne Borsten oder Haare, die sich nach allen Seiten wegspreizten.

Ich war ein bisschen erschüttert. Der alte Bauer, der noch nie einen Satz von Shakespeare gelesen hatte, verstand auf Anhieb ein Natursprachbild, das mir vollkommen unbegreiflich war. Ich, der Großstadtmensch mit Anglistik-Studium, verstand nichts. Ich hatte noch nicht einmal das Wort »Granne« gehört – und die Beschämung erreichte neue Tiefpunkte, als ich nachschlagend auch noch feststellte, dass »Granne« vom althochdeutschen »grana« abstammt: und das bedeutete? »Bart«! Shakespeares Welt und Weltwissen, geprägt vom ländlichen Herkommen und engem Verhältnis zu allem Natürlichen in spätmittelalterlicher Zeit, ist dem elektronischen Großstadtmenschen von heute fremd und oftmals unverständlich geworden.

Wir übersetzt man nun die »Granne«, wenn sie den meisten weder als Wort noch als Bild noch als Vorstellung bekannt ist? Die Fußnote mit der schlau zusammengeklaubten Erklärung nutzt nichts für einen Text, der seinen Sinn auf der Bühne spontan entfalten muss, beim direkten Sprechen – ohne Zeit zum Nachschlagen. Man erklärt es recht und schlecht im Text, wenn es irgend geht: »und jung verfault das Korn, bevor der Ähren Stachelbart ihm sprießt«.

Aber was übersetzt man wohl im folgenden Fall: In ›Verlorene Liebesmüh‹ (V,2,642ff) geht es um ein nicht näher bezeichnetes Geschenk, über das einige Mutmaßungen angestellt werden:

ARMADO:
The armipotent Mars,
of lancess the almighty,
Gave Hector a gift, –

(»Der waffenstarke Mars,
der mächtige Lanzenträger,
gab Hektor ein Geschenk«)

DUMAIN: A gilt nutmeg.
BEROWNE: A lemon.
LONGAVILLE: Stuck with cloves.
DUMAIN: No, cloven.

(»Eine vergoldete Muskatnuss.«)
(»Eine Zitrone.«)
(»Mit Gewürznelken gespickt.«)
(»Nein, gespalten.«)

Ein rätselhafter Text – weil wohl kein Leser/Zuschauer weiß, dass es sich um den elisabethanischen Weihnachtsbrauch handelt, sich Geschenke in Form von Nüssen und Zitrusfrüchten zu machen, mit denen man Bier und Wein würzte. Die »gilt nutmeg« war keine vergoldete Muskatnuss, sondern eine mit Eigelb glasierte Nuss zum Würzen von Wein oder Bier; zum gleichen Zweck diente die Zitrone, die mit Gewürznelken bestückt war; und rätselhafterweise soll diese Zitrone »gespalten« gewesen sein. Leider sagt uns auch dieses Wissen nichts: Warum erzählen sich die Leute solche belanglosen Sachen?

Sie tun es vertrackterweise deswegen, weil sie mit Zitronen und Nelken und Nüssen obszöne Wortspielchen betreiben. Die gilded nutmeg wird hier zu »Hoden«; die Zitrone lemon ist phonetisch gleichlautend mit leman, was »Geliebte« bedeutet, die mit clove = »Gewürznelke/Nagel/Penis« bestückt ist, wozu sich für die pornographische Phantasie wie von selbst zu cloves das Wort cloven = »gespalten« einstellt – als Anspielung auf die weibliche Anatomie.

Das kann man nun zwar mit »Nüssen«, »Zitronen« und »Gewürznelken« übersetzen – aber damit erzählt man nie und nimmer den gemeinten obszönen Sinn der Passage, bei der drei Männer sich mit erotischen Phantasien übertrumpfen wollen. So ist der Übersetzer gezwungen, frei zu fabulieren – und ersetzt unter Umständen Zitronen und Nelken mit deutschen obszön assoziierbaren Früchten:

ARMADO: »Der furchtbare Mars mit seiner langen Lanze
Gab Hektor ein Geschenk -«

DUMAIN: »Zur furchtbaren Lanze zwei knackige Nüsse.«

BEROWNE: »Und viele frische Feigen.«

LONGAVILLE: »Und saftige Pflaumen.«

DUMAIN: »Fruchtsalat.«

Das heißt: Der Übersetzer muss zum Er-Setzer werden, wenn originale Begriffe oder Redewendungen heute keinen oder einen falschen Sinn ergeben; er muss andere Assoziationsketten in Gang setzen, als Shakespeares Text sie vorgibt, um analoge Wirkungen zu erzielen. Er darf nicht »genau« wörtlich übersetzen – er muss das Richtige übersetzen.

Die ursprünglich aus dem Orient stammende, überall in Europa verbreitete »Sprache der Blumen« war ein Mittel zur non-verbalen Mitteilung: Was man gerade in Liebesdingen nicht laut sagen konnte/wollte/durfte, ließ sich oftmals mit komplizierten a-sprachlichen Codes ausdrücken, für die man Blumen nutzte: So steht Iris für Treue, Klette für ärgerliche Anhänglichkeit, die gelbe Nelke für Verachtung und die geschlossene Rosenknospe für Liebesunfähigkeit. Solche traditionellen Blumen-Codes sagen in unterschiedlichen Kulturen unterschiedliche Dinge; manche solcher Bedeutungen werden wieder vergessen, manche verändern sich und manche Assoziationen sind für spätere Zeiten und Kulturen schlicht unverständlich – wie viele von Shakespeares Blumen-Anspielungen, die niemand mehr versteht. So sind die korrekten und strengen botanischen Begriffe bei Shakespeares »Blumensprache« in einer Übersetzung zumeist unbrauchbar und müssen auf der Strecke bleiben – wie z.B. in ›Die Lustigen Weiber von Windsor‹:

Da flucht jemand beim »Gefleckten Aronsstab«, dem Arum maculatum. Das heißt, benutzt wird ein Mundartbegriff für diese Pflanze, nämlich »God’s lords-and-His-ladies« – also eigentlich »Des Herrgotts Herrn und Damen«. Diese doppeldeutige Formulierung bezieht sich auf die seltsame Form dieser Pflanze, die nämlich sowohl an männliche wie an weibliche Genitalien beim Kopulieren denken lässt – Vulva und Penis ineinander verschränkt; so lautete ein weiterer Mundartname auch »Cockoo-pint«: Kuckuckspimmel. Es ist einsehbar, dass man mit der botanisch korrekten Übersetzung »Aronsstab« Shakespeares deftigem Sprachbild nicht so ganz gerecht wird – und da kein entsprechender deutscher Mundartbegriff für »Gefleckter Aronsstab« existiert, muss dann eben eine andere Pflanze her! Und so kam es, dass in meiner Übersetzung nun jemand mundartlich mit »Heiligs Pimpernelleche!« – denn die Pimpernelle, falls man das auch schon erklären muss, spielt im Wortklang auf »pimpern« an, und das wiederum bedeutet …

Der Essay stammt aus dem Ausstellungskatalog zu ›Garten=Theater – Pflanzen in Shakespeares Welt‹, einer Ausstellung im Rahmen der Woche der Botanischen Gärten, die vom 11. bis 19. Juni 2016 anlässlich des 400. Todestags William Shakespeares zeitgleich in 25 Botanischen Gärten zu sehen ist. Wir bedanken uns bei Dr. Stefan Schneckenburger vom Botanischen Garten der TU Darmstadt und bei Frank Günther für die freundliche Genehmigung, den Text hier zu veröffentlichen.

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Frank Günther bei dtv:

William Shakespeare, Frank Günther
Shakespeares Wort-Schätze

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