Lebenswege

›Grünkohl und Curry‹, Hasnain Kazims Geschichte einer Einwanderung nach Deutschland, setzt bei der Flucht seiner indischen Vorfahren in den neu gegründeten Staat Pakistan ein. Pakistan entstand 1947 im Zuge des Unabhängigkeitskampfes Britisch-Indiens. Als das Ende der Fremdherrschaft absehbar wurde, sahen muslimische Politiker ihre Chance gekommen, einen autonomen muslimischen Staat zu verwirklichen. Einen Tag nach der Gründung, am 15. August 1947, wandte sich der Führer Mohammed Ali Jinnah per Radio an die Muslime auf dem Subkontinent: „Die Schaffung des neuen Staates bedeutet für die Bürger Pakistans eine enorme Verantwortung. Sie haben die Möglichkeit, der Welt zu zeigen, wie eine an Vielfalt reiche Nation wie Pakistan in Frieden und Freundschaft lebt und zum Wohle aller arbeitet, egal welcher Kaste, egal welchem Glauben sie angehören.“ Millionen Muslime folgten dem Aufruf – unter ihnen Hasnain Kazims Großvater Kazim Ali Khan: „Meinen Großvater reizte der Gedanke, einen Staat mit aufzubauen.“ Da in Indien auch Forderungen nach Enteignung laut wurden und Kazim Ali Khan den Verlust von Landbesitz fürchtete, machte er sich mit seiner Familie auf die lange Reise von Lucknow über Bombay nach Karatschi. „Die Teilung Indiens hatte eine der größten Völkerwanderungen in der Geschichte der Menschheit, eine unglaubliche Tragödie ausgelöst“, schreibt Hasnain Kazim. Es kreuzten sich die Wege von Muslimen, Hindus und Sikhs: Während die einen in den Westen nach Pakistan reisten, zogen die anderen in die entgegengesetzte Richtung nach Indien. Hunderttausende Menschen hielten den Strapazen nicht stand; sie verhungerten am Wegesrand oder fielen Gewalttaten zum Opfer. Hasnain Kazims Vorfahren überstanden sowohl die Zugfahrt nach Bombay als auch die Zeltstadt in Chowpatty und bestiegen wohlbehalten das Schiff nach Karatschi: „Ihr Gepäck musste die Familie auf dem Schiff erneut abgeben. Dort wurde es dann gestohlen, jedenfalls war es einen Tag später, als die ‚Dwarka‘ im Hafen von Karatschi angelegt hatte, verschwunden. Das neue Leben von Kazim Ali Kahn und seiner Familie begann mit dem, was sie am Körper trugen.“ 

Tina Rausch

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.